Mittwoch, 16. Mai 2018

Faszienzugbahnen, Atmung und Bewegung

Es ist ein schwieriger Balanceakt, wichtiges Wissen auch an interessierte Nichttherapeuten zu vermitteln und gleichzeitig in den Beschreibungen genau zu bleiben. Maike Knifka und ich stellen uns der Aufgabe, ihr findet hier ihren Originalvortrag (schwarz), den ich an manchen Stellen zum besseren Verständnis ergänzt oder umformuliert habe. Dazu kommen meine eigenen Erfahrungen zu diesem Thema in roter Schrift. Wo ich mich vor zehn Jahren noch gewundert habe, sind die Zusammenhänge heute klar und erklärbar:

Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Atmung, zwischen Bewegungsqualität und Gesundheit sowohl des Bewegungsapparates als auch der Organe und der Psyche muss mehr Beachtung finden. Und zum Behandeln gehört auch das Training – ein Training, das sich deutlich von dem unterscheiden muss, das zu den Problemen geführt hat.

Zusammenfassung des Vortrags von Maike Knifka auf dem MTAP-Symposium in Würzburg am 17.02.2018:

Die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen aktiver Schubkraft, physiologischer Atmung und Stabilisierung des Rumpfes durch die Tiefenmuskulatur werden deutlich, wenn man den aktiven Bewegungsapparat als myofasziales Netzwerk sieht, in dem die Kraftübertragung vornehmlich tensegral, also durch Zugspannung, organisiert wird. Die kürzlich in Sektionsstudien auch beim Pferd nachgewiesene tiefe dorsale und ventrale myofasziale Kette (beim Menschen die tiefe Bauch- und Rückenlinie) unterstützt in meinen Augen diese Zusammenhänge.

Hierdurch erschließen sich meine bereits vor vielen Jahren gemachten Erfahrungen, insbesondere mit dem Araber Echinus neu (siehe unten). Zum damaligen Zeitpunkt bin ich in erster Linie meiner Intuition gefolgt, mit dem Ergebnis, dass ein Pferd mit massiven Atemwegsproblemen (mehrfacher Klinikaufenthalt zum Lunge freimachen) durch Bewegungstraining an der Longe nahezu symptomfrei wurde. 
 
Häufige Befunde
Die osteopathische, physiotherapeutische oder trainingstherapeutische Erstuntersuchung fängt mit dem Sichtbefund als „erstem Eindruck“ an. Anstatt, wie üblich, den Fokus auf die Muskelbeurteilung zu legen, betrachte ich zunächst die Körperhaltung des Pferdes im Gesamterscheinungsbild. Hierbei interessieren mich global betrachtet die Körperspannung, die körperliche Präsenz, mögliche Auffälligkeiten der Gliedmaßenstellungen, die Position des Brustbeins, die Hufbalance und die Atmungsqualität. Allein schon aus dieser ersten Inaugenscheinnahme lässt sich sehr häufig ableiten, wie es um die Rumpfstabilität und letztendlich auch das Wohlbefinden des Pferdes bestellt ist.
 
Die ersten Schritte aus der Box/dem Paddock in die Halle oder auf den Reitplatz zeigen dann, wie das Pferd der Welt gegenübertritt. Dieses Auftreten spiegelt fast immer den physischen Zustand mit den jeweiligen Auffälligkeiten und Erkrankungen.

Hierbei begegnen mir in der therapeutischen Praxis enorm viele Pferde mit folgender Befundkonstellation:


  • flache Atmung mit pressender Ausatmung
  • unphysiologisch steil gestelltes Becken (Beckenkippung nach posterior)
  • aufgewölbte Lendenwirbelsäule
  • unter den Bauch gestellte Hintergliedmaßen mit dementsprechend schrägem Röhrbeinverlauf
  • rückständige Vordergliedmaßen
     nach cranio-ventral verschobener Thorax


=> Oder, vor allem in der Arbeit, nach vorne abfallende Lendenwirbelsäule in Verbindung mit steilem Becken; herausgeschobenes Brustbein bei nach hinten abfallender Bauch und Rückenlinie. 
Zu einem Termin kommt es meistens, weil der Pferdebesitzer merkt, dass sein Pferd weniger fleißig und lauffreudig ist, sich beim Reiten „zweigeteilt“ anfühlt und die Durchlässigkeit insgesamt unbefriedigend ist. Auch von Sattelpassformproblemen ist häufig die Rede. Desgleichen von Stolpern und anderen Bewegungsauffälligkeiten.
 
Bewegungsanalyse
In der Bewegungsanalyse fällt dann auf, dass das Pferd einen unnatürlichen Ablauf in seinen Bewegungsphasen zeigt und die Stemmphase (Schub) nicht mehr aktiv und effektiv durchgeführt wird. Die Vordergliedmaßen werden unnatürlich intensiv dazu eingesetzt, den Rumpf nach vorne zu ziehen, was unweigerlich zu einer eingeschränkten Vorführphase führt. Die Bewegungsphasen haben sich somit insofern verschoben, als die erste Hälfte der Stützbeinphase vorne und die zweite Hälfte der Stützbeinphase hinten räumlich verkürzt sind. Dadurch verschieben sich auch die Kraftphasen, wobei die Vordergliedmaßen zum Ziehen anstatt zum Stützen eingesetzt werden und die Hintergliedmaßen kaum noch Schubkraft entwickeln - sie versuchen eher in der ersten Hälfte der Stützbeinphase, die vorwärts-abwärts ziehende Körpermasse bremsend zu kontrollieren.
 
Tastbefund
In der Palpation fällt ein besonders hoher Muskeltonus der schrägen Bauchmuskeln auf. Außerdem sind häufig die Rippenzwischenraummuskeln fest verspannt und unelastisch.
Weitere Tastbefunde sind meistens:
  • feste Adduktoren an den Hintergliedmaßen (mit Hüftgelenken Außenrotationstellung)
  • Verspannungen und Triggerpunktbildungen im Lendenbereich
  • Verspannungen in der Genickmuskulatur im Bereich des Hinterhaupts und der ersten beiden Halswirbel
  • Übermässig stark entwickelte und verspannte Brustmuskulatur und Muskulatur der Vordergliedmaßen
Um eine übergeordnete Ursache für die verschiedenen Befunde und Bewegungsbeobachtungen verifizieren zu können, ist es meiner Meinung nach unumgänglich, die Verläufe und Funktionen der myofaszialen Ketten und im Speziellen der beiden tiefliegenden Ketten in den Fokus zu stellen.

Das myofasziale Spannungsnetzwerk
Der amerikanische Forscher und Körpertherapeut Thomas W. Myers ist der Pionier in der Erforschung der myofaszialen Ketten des Menschen. Zunächst ohne wissenschaftliche Beweise beschrieb er als Erster die Bewegungsorganisation des Körpers durch das in verschiedenen Zuglinien verlaufende Zusammenspiel aus Muskeln-Faszien-Einheiten als körperweitem Spannungsnetzwerk. Diese Zuglinienverläufe konnten in späteren Sektionsstudien größtenteils nachgewiesen werden. (In meinem ersten Buch „Die Pferde sind nicht das Problem – Keine Reitlehre“ bin ich ebenfalls ohne wissenschaftlichen Beweis davon ausgegangen, dass es sich beim Pferd ähnlich verhält. Ein Jahr später wurde der Beweis geliefert (siehe unten). Im zweiten Buch habe ich die bis dahin beim Pferd noch nicht nachgewiesenen Tiefen Linien vorausgesetzt, und ein Jahr später kam der Beweis. Das ist Teamwork! :D )

Definition und Merkmal myofaszialer Ketten ist ein ununterbrochener Faserverlauf des Strukturproteins Kollagen, das in die Matrix der Faszien eingewoben ist und für Zugfestigkeit und in gewisser Weise auch für Elastizität sorgt.Thomas Myers ist es mit dieser Pionierarbeit gelungen, für ein Umdenken in der Medizin zu sorgen und somit von der Einzelmuskelbetrachtung auf ein ununterbrochenes Muskel-Faszien-System aufmerksam zu machen und darüber hinaus traditionelle biomechanische Theorien zu entkräften. Ihm ist es gelungen, das Bewusstsein für das Fasziengewebe aus seinem „Dornröschenschlaf“ zu wecken.
 
Ja, damit ist wirklich etwas ins Rollen gekommen. Für meine BlogleserInnen: Als medizinischer Laie muss man nicht alle Details kennen, denn die Faszienforschung hat inzwischen unüberschaubare Massen an Informationen geliefert. Aber das sich ergebende veränderte Bewegungsverständnis kann für jede/n ein goldener Schlüssel sowohl zum eigenen Körper als auch zu dem des Pferdes sein.
 
Die Forschung
Die beiden dänischen Tierärztinnen Dr. Rikke Mark Schultz und Dr. Vibeke Södring Elbrönd (Universität Kopenhagen) haben 2015 erstmalig in einer Sektionsstudie an 26 Pferden die ununterbrochenen Verläufe von zunächst sieben myofaszialen Ketten nachgewiesen.
 
Den faszialen Verbindungen zwischen den „einzelnen“ Muskeln und deren faszialer Durchwebung hat man lange Zeit wenig Beachtung geschenkt. Die Erkenntnis darüber, dass Muskelketten nicht an den jeweiligen Ansatzpunkten enden, sondern dass durch Sektionsstudien nachgewiesene fasziale Verbindungen auch über knöcherne Ansatzstellen hinweg verlaufen und somit myofasziale Ketten bilden, verändert den Blick auf die Anatomie stark. Die faszialen Verbindungen zwischen und innerhalb der Muskeln sind keine passiven, separierten Kraftüberträger, sondern gehören zu einem aktiven und kontraktionsfähigen Zugspannungsnetzwerk. Die Knochen spannen das Netz des Faszienkörpers auf. Letzterer bestimmt durch die Vorspannung des myofaszialen Gewebes die miteinander wirkenden Kraftrichtungen im Körper sowie die Form und die Federkraft des gesamten Systems.

Tensegrity
Tensegrity ist ein Kunstwort aus der Architektur (=> Tension = Spannung, Integrity = Integrität/ Zusammenhalt), das vor allem durch den amerikanischen Konstrukteur Richard Buckminster-Fuller in den 70er Jahren bekannt wurde. Dem Tensegritiy-Modell liegt der Gedanke zugrunde, dass eine Konstruktion durch elastische Spannungsübertragungen stabilisiert wird. Die festen Elemente sind dabei nicht miteinander verbunden, sondern werden durch elastische Strukturen in ihrer Position gehalten, die jedoch nicht starr ist, sondern die Verformbarkeit des Gesamtsystems aus Spannungs- und Kompressionselementen ermöglicht und somit ein anpassungs- und widerstandsfähiges System schafft. 

Der Begriff „floating compression“, also die „fließende Kompression“ verdeutlicht, dass die festen Elemente keinen Kontakt zueinander haben, sondern als „Abstandshalter“ agieren und Kräfte nicht durch „Stapelungen“ dieser festen Systembestandteile (oder Scharniere und Hebel) übertragen werden, sondern durch Spannung der Zugspannungselemente. 

In Modellen wie auf dem Foto sind somit die Gummibänder die Zugspannungselemente und die Holzstäbchen die „floating- compression-Elemente“. In Balance ist die Spannung gleichmässig verteilt, es herrscht ein Gleichgewicht der Kräfte. Bei Belastung werden Kräfte elastisch ausbalanciert. Tensegrale Strukturen agieren omnidirektional, was bedeutet, dass einwirkende Kräfte auf alle Teile und in alle Richtungen übertragen werden. Es entstehen weder Scherkräfte noch Druckspitzen.

Biotensegrity
Was das Skelettsystem mit diesen „schwimmenden Kompressionselementen“ vergleichbar macht, ist die Tatsache der gelenkigen Verbindungen, die im Detail betrachtet ja auch bindegewebige Verbindungen darstellen. Streng genommen berühren sich Knochen nicht untereinander und durch ihre beweglichen Verbindungen können sie kein Hebelsystem im mechanischen Sinne darstellen. Die Theorie der Kraftübertragung über Hebel, wie sie in weit verbreiteten biomechanischen Ansätzen beschrieben wird, kann demnach nicht oder nur näherungsweise gelten. In den bekannten biomechanischen Theorien, die sich auf die Gesetze der klassischen Mechanik und insbesondere auf die Hebelgesetze berufen, wird unterschlagen, dass für den Einsatz eines Hebels ein Festpunkt als Ansatz vorhanden sein müsste. Im Körpersystem ist nun aber genau dieser als Festpunkt angenommene Punkt ein überaus bewegliches Gelenk (kein Festpunkt!). 

Schon Archimedes wusste:

"Gebt mir einen Festpunkt und ich hebe die Welt aus den Angeln!"

Das myofasziale System definiert den Körper als untrennbare Einheit aus Muskeln und Faszien und im Zusammenspiel mit dem Skelett als tensegrales Modell, weswegen sich hier der Begriff Biotensegrity etabliert hat. Als „Gründungsvater“ der Biotensegrity kann man den amerikanischen orthopädischen Chirurgen Dr. Stephen Levin bezeichnen, auf dessen Homepage www.biotensegrity.com interessante Artikel zu finden sind. Stephen Levin veröffentlichte seine Idee, Biotensegrity als wesentlich passenderes Erklärungsmodell für lebende Körper in Bewegung die Biomechanik ersetzen zu lassen, bereits im Jahre 1989. Es ist also höchste Zeit, dass die Biotensegrität nicht mehr als „Modebegriff“ oder „neumodischer Kram“ abgetan wird, sondern betrachtet, verstanden und mit all ihren Möglichkeiten genutzt wird. Denn die Biomechanik hat sich nur mangels einer besseren Alternative mit all ihren immanenten Widersprüchen über dreihundert Jahre halten können.

Störungen im System
Den Körper als Biotensegrity-Struktur anzusehen bietet Erklärungen dafür, dass bei einem Ungleichgewicht, beispielsweise durch Dauerkontraktion, Fehlhaltungen, oder Elastizitätsverlusten die negativen Auswirkungen in Form von Bewegungsstörungen nicht nur an Ort und Stelle der Störung auftreten, sondern sich auf das Gesamtsystem auswirken. Das Resilienzvermögen, die Widerstandsfähigkeit tensegraler Strukturen ergibt sich aus der Vielzahl der Haltungsregulierungen und Kompensationsmöglichkeiten. Das bedeutet auch, dass Bewegungseinschränkungen immer eine Restriktion im Fasziengewebe sind, da dies die Systemstörung wahrnimmt und weiter leitet.
 
Nehmen die Störungen im System überhand, verliert der Körper seine tensegrale Struktur und Ausrichtung, denn diese ist sowohl Voraussetzung für als auch Ausdruck von physischem und psychischem Wohlbefinden.
 
Übersicht der myofaszialen Ketten des Pferdes
Die in der oben genannten Studie der Universität Kopenhagen nachgewiesenen Kettenverläufe lassen sich folgendermaßen unterteilen:
 
Drei oberflächliche lange Zugbahnen
Diese drei Ketten sind in den unten stehenden Bildern schematisch eingezeichnet und lassen sehr deutlich erkennen, dass eine intensive Verbindung besteht zwischen den Hintergliedmaßen als „Beginn“ dieser Ketten und der Genickregion als Zentrale und „Umschlagstelle“ zwischen dorsalen, ventralen und lateralen Verläufen. In der funktionellen Betrachtung dieser Ketten ist durch diese Verläufe klar, dass die Stabilisierung des Gesamtsystem von der Spannungsentwicklung der Hintergliedmaßen abhängt. Die Grafiken stammen aus dem Buch "Jenseits der Biomechanik - Biotensegrity".
 
Oberflächliche dorsale und ventrale Kette
Oberflächliche laterale Kette
 
Zwei helikale Ketten

Spiralförmige Kette
Sowohl die spiralförmige Kette als lange Zugbahn als auch die Funktionelle Kette (ohne Bild), die die Gliedmaßen miteinander verbindet,  kreuzen mehrere Male die Längsachse des Pferdes. Was im ersten Moment das bisher gewohnte Bild der Muskeleinteilungen buchstäblich zu durchkreuzen scheint, ist ein für die Stabilisierung und Balance notwendiger Verlauf, denn diagonale Aussteifungen und Abspannungen haben in allen Systemen einen stabilisierenden und materialminimierenden Effekt. Wesentliche Eigenschaften tensegraler Strukturen sind auf Rotation in der Struktur zurückzuführen.
 

 
Ketten der Vordergliedmaßen

Zwei Vordergliedmaßen-Ketten
Natürlich sind die beiden Ketten der Vordergliedmaßen mit dem Rumpf verbunden und haben verschiedene Überschneidungen mit anderen Ketten. Dennoch fällt hier eine gewisse Separierung vom Rest des Körpers auf, was funktionell damit erklärt werden kann, dass die Vordergliedmaßen physiologisch kaum an der Vorwärtsbewegung beteiligt sind, sondern vielmehr als Stützorgan fungieren. Aus diesem Grunde sind in meinen Grafiken die langen Zugbahnen ohne Vordergliedmaße gezeichnet - so wird das deutlicher!




Die tiefe dorsale und ventrale Kette - der myofasziale Körperkern
Die tiefe dorsale und ventrale Kette (tiefe Bauch- und Rückenlinie) bilden als tiefste Muskel-Faszien-Ketten den myofaszialen Körperkern. Auf ihre Verläufe, die erst kürzlich an der Universität Kopenhagen wissenschaftlich nachgewiesen wurden, gehe ich im Folgenden näher ein, da sie in faszinierender Weise das Zusammenspiel aus Atmung und Bewegung zeigen. Hier findet sich die Erklärung, warum für die Stabilisierung des Rumpfes eine neutrale Beckenposition und aktive Schubkraft unabdingbar sind. (An dieser Stelle möchte ich gerne auf das Video von Katja Eser und mir zur LSG-These verweisen, das im letzten Jahr im Rahmen der Online-Pferdekonferenz von Antoinette Hitzinger erschienen ist.)
 
Die tiefe dorsale Muskel-Faszien-Kette beginnt mit der Schwanzfaszie und der oberen und seitlichen Schwanzmuskulatur. Sie geht im weiteren Verlauf im Kreuzbeinbereich in das Ligamentum supraspinale (Rückenband) über und ab der Widerristregion dann in das Ligamentum nuchae (Nackenstrang und Nackenplatte). Ebenso ist der gesamte M. multifidi, der wirbelsäulennah zur sogenannten intrinsischen Muskulatur gehört, in diese tiefe dorsale Kette integriert. Die intrinsische Muskulatur ist als tiefste Muskelschicht für die segmentale Beweglichkeit und Feinjustierung der Wirbelsäule zuständig und spielt beim Pferd wie beim Menschen bei der Rumpfstabilisierung eine große Rolle.
 
Die tiefe ventrale Kette hat einen ganz besonders interessanten Verlauf und stellt die Verbindung der Bauch- und Brustorgane mit dem Bewegungsapparat her, sie verbindet „innen mit außen“.
 
Sie beginnt am Hufbein mit der tiefen Beugesehne und dem zugehörigen Muskel und verläuft daher innen über das Sprunggelenk und dann weiter mit den Adduktoren M. sartorius und M. pectineus und der Beckengürtelmuskulatur (M. iliopsoas, M. psoas minor) bis unterhalb der Lendenwirbelsäule. Von hier aus wird sehr deutlich, dass die tiefe Ventralkette viel Raum einnimmt, denn sie teilt sich auf in drei Verläufe, die jedoch alle in der Kopfregion enden.
 
Zum einen geht der Faserverlauf aus der Beckengürtelmuskulatur unterhalb der Wirbelsäule weiter in das Ligamentum longintudinale ventrale (ventrales Wirbelsäulenband) und in der cervicothoracalen Übergangsregion in die Mm. longus colli und capitis bis an die Schädelbasis. Zum anderen verläuft die tiefe Ventralkette aus der Beckengürtelmuskulatur in die Zwerchfellpfeiler und weiter in das Zwerchfell. Somit ist das Zwerchfell ein sehr präsenter und voluminöser Bestandteil dieser Kette und steht bezüglich der Spannungsentwicklung unmittelbar mit dem Bewegungsrhythmus in Verbindung. Die tiefe Ventrallinie wird aber nicht nur durch das riesige Zwerchfell zu einer dreidimensionalen Kette, sondern auch dadurch, dass die fasziale Umhüllung und Durchwebung der Bauch- und Brustorgane zu ihren Bestandteilen gehört. Besonders intensiv ist der Herzbeutel durch seine direkte Verbindung zum Zwerchfell und zur Innenseite des Brustbeins in diese Kette eingebunden. 

Im Bereich der vorderen Thoraxapertura umhüllt die Kette den Oesophagus, die Trachea und den Kehlkopf und endet ebenso wie der zuerst genannte Part an der Schädelbasis. Der am meisten ventral gelegene Teil der tiefen Ventralkette führt ab der Pars sternalis des Zwerchfells innenliegend auf dem Sternum entlang und mündet am manubrium sterni in die Zungenbeinmuskulatur, die hinauf zur Mandibula und zum Zungenbein führt.
 
Zusammenfassend kann man sich nun gut vor Augen führen, dass diese Kette in ihrer physiologischen Spannungsentwicklung in großem Maße von der Aktion der Hintergliedmaßen abhängt. Ihr Beginn mit dem tiefen Zehenbeuger macht deutlich, dass die effektiv ausgeführte Stemmphase entscheidend für die Spannungsinitiierung ist, da die tiefe Beugesehne in der Stemmphase gespannt ist. "Stemmen" ist für mich ein Begriff, der sehr viel mit Kraft und Mühe zu tun hat. Die tensegrale Struktur der Hinterhand lädt sich unter Last auf und entlädt sich in der zweiten Hälfte der Stützbeinphase bis hin zum Abfußen. Bei intakter Tensegrität des Körpers entsteht so eine Leichtigkeit, die mit der Idee von "Stemmen" nicht zu erreichen ist. Daher gefällt mir "Entladungsphase" besser.
 
Zurück zu den häufigen Befunden
Die am Anfang des Artikels genannten Befunde lassen sich zusammengefasst als eine Kombination aus Beckenfehlhaltung, unphysiologischer Atmung und Schubkraftmangel beschreiben (Was ziemlich genau den Symptomen der Trageerschöpfung entspricht). Hat man hierbei die oben beschriebenen Verläufe und beteiligten Strukturen am myofaszialen Körperkern vor Augen, leitet sich für mich daraus die folgende These ab:
 
Geht man davon aus, dass die Rumpfstabilität des Pferdes, also der stabile myofasziale Körperkern, wie beim Menschen von einer natürlichen aufgerichteten Körperhaltung mit neutralen Gelenkstellungen und einer aktiven Tiefenmuskulatur abhängt, wird deutlich, dass hierfür funktionelle Bewegungen die Grundvoraussetzung sind.

Funktionell bedeutet hierbei, dass Bewegungen ausgeführt werden, die einer natürlichen Körperfunktion dienen, was im myofaszialen System stets mit einer deutlichen Zugspannungsausrichtung von den Hintergliedmaßen zum Kopf einhergeht und somit Bewegungen erzeugt werden, die durch den ganzen Körper hindurch verlaufen und den Körper tensegral aufspannen. Diese Kraftübertragung durch Zugspannung kann nur dann effektiv aus den Hintergliedmaßen weiter geleitet werden, wenn das Becken in neutraler Position steht, bzw. aus neutraler Position heraus bewegt wird. Eine unnatürliche Beckenhaltung (z.B. ein dauerhafter „Beugegang“ und eine dauerhafte Steilstellung) unterbricht diesen aufspannenden und Bewegung ermöglichenden Effekt. Man spricht dann von Kollabierung als Gegenteil einer tensegralen Aufspannung. Die Feststellung des Beckens erfolgt nach bisherigen Annahmen durch eine Verkürzung vor allem des M. psoas minor sowie der Bauchmuskeln, allen voran hierbei dem große M. rectus abdominis.
 

Zwerchfell des Pferdes,
Pferd in Rückenlage, Blick nach cranial;
Foto Universität München
Eine unphysiologische dauerhafte Spannung der Bauchmuskeln führt zur Disharmonie in der Atmung, da das Einatmen behindert wird. Das Ausatmen erfolgt dann häufig unter aktiver Zuhilfenahme der Bauchmuskeln. Aus dem Verlauf der tiefen Ventralkette mit ihrer Einbindung des Zwerchfells kann man zudem ableiten, dass durch die Kollabierung der Kette durch Beckenfehlhaltung eine positive „Entfaltung“ und Funktion des Zwerchfells behindert ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine Steilstellung des Beckens die Ansteuerung des M.multifidi kaum, oder gar nicht möglich macht, was beim Menschen in wissenschaftlichen Studien heraus gefunden werden konnte, beim Pferd jedoch noch nachgeholt werden muss. Durch die Konstruktion des Übergangs zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein als gelenkiger Verbindung mit Scharniereffekt fallen die Folgen für das Pferd besonders verheerend aus!

Theorie der Gewichtheberatmung
In der genauen Beobachtung der zahlreichen Fälle der Pferde mit den oben genannten Befundkonstellationen fiel mir auf der Suche nach den ursächlichen Regelkreisläufen („Henne oder Ei-Fragen“) auf, dass diese Pferde anscheinend eine Art Zwangs-Rumpfstabilisierung entwickelt haben. Um den Rumpf zu versteifen und damit scheinbar tragfähiger zu machen, werden Zwerchfell und M. transversus abdominis (tiefster und querverlaufender Bauchmuskel) unter Verlust einer tiefen harmonischen Atmung gleichzeitig angespannt. Eben ähnlich dem Gewichtheber, der für den Moment des Hebens den Intraabdominaldruck zur Rumpfstabilisierung mit diesem Effekt erhöht.
 
Wie es weiter geht.... Natürlich sollen hier nicht nur Probleme aufgezeigt werden sondern auch genau an dieser spannenden Stelle, an der man sich fragt „was mache ich denn nun in Training und Therapie?“ Lösungsansätze beschrieben werden. Dies möchte ich gerne, so wie kürzlich zum Thema Rotation, gemeinsam mit meiner Kollegin Maren Diehl in einer Art schriftlichem Dialog weiter vertiefen! Hierbei wünsche ich euch schon jetzt viel Spaß!
 
Jetzt muss ich wieder an meinem Lieblingspunkt ansetzen und höre bereits viele aufstöhnen: Biotensegrity. Macht euch schlau, seht zu, dass ihr ein Modell in die Hände bekommt, um fühlen zu können, was Tensegrität bedeutet. Zu diesem Thema biete ich bislang in diesem Jahr noch ein Seminar an, zu finden unter http://die-pferde-sind-nicht-das-problem.de/basisseminar%20biotensegrity.htm, und in dem Buch „Jenseits der Biomechanik – Biotensegrity“ habe ich mich eingehend mit der Tensegrität lebender Körper befasst.

Es ist sehr schade, dass viele Pferdemenschen der Einfachheit halber behaupten, Biotensegrity sei „so ein Modewort“. Wer sich damit auseinandergesetzt und verstanden hat, worum es geht und was der tensegrale Ansatz mit sich bringt, wird diese Aussage nicht mehr unterschreiben können.

Ein anderer Punkt ist die Schubkraft, die häufig verteufelt wird, weil sie als Ursache für Probleme angesehen wird. Diese entstehen jedoch nicht aus der eigentlichen Schubkraft, sondern aus der nicht integrierten Schubkraft. Das Bild von der „Umwandlung in Tragkraft“ führt meistens nicht zu mehr Tragkraft, sondern nur zu sicherer Geschwindigkeitskontrolle. Sobald mit der Idee gearbeitet wird, dass die Hinterhand den Rücken dank Hebelkraft über seine ganze Länge hebt, um die Vorhand zu entlasten, entstehen die von Maike beschriebenen Probleme. Daher definiere ich den Prozess lieber so, dass die Schubkraft die bewegte Masse der Vorhand möglichst geschickt zuspielen muss.
 
Der Unterschied zwischen integrierter und ungerichteter Schubkraft ist ähnlich wie der zwischen „einen Ball zuspielen“ und „einen Ball irgendwohin werfen“. Die aus letzterem entstehenden Probleme (wie „Ball nicht wiederfinden“, „Fensterscheibe zerlegt“ etc.) lassen sich natürlich dadurch lösen, dass man den Ball nicht mehr loslässt, ihn nur noch spazieren trägt und darauf wartet, dass der Trainingspartner sich den Ball holt. Damit lassen sich die Koordination, die Zielsicherheit, die Gewandtheit, die spontane Interaktion jedoch nicht trainieren. Der ursprüngliche Geist der Freude an der Bewegung ging verloren. Die gewonnene Sicherheit ist lebensfeindlich.
 
Um bei dem Vergleich mit dem Ballspiel zu bleiben: Fehler müssen erlaubt sein. Die ersten Versuche macht man besser nicht im Porzellanladen, sondern auf dem Bolzplatz. Die Trainingspartner müssen lernen, aufeinander zu achten, denn es geht um das Zu- und Zusammenspiel.
 
Sobald der Sicherheitsgedanke beim Reiten überwiegt und die freie Bewegung erstickt, sei es aus Angst vor der Urgewalt Pferd, aus Angst um die eigenen Knochen oder die des Pferdes, entstehen pathogene Bewegungsmuster mit den bekannten Folgen für Atmung, Fußung, Psyche usw.
 
Die Trainingsgestaltung erfordert daher einen Rahmen, in dem das Pferd sich ausprobieren und auch gelegentlich an seine Grenzen gehen kann, ohne sich, dem Reiter oder der Umgebung zu schaden. Gegebenenfalls darf das Pferd das in einem guten Round Pen oder auf einem ausreichend sicheren Reitplatz ohne Reiter. Da kann Mensch dann üben: Nicht bremsen! Weder in Gedanken, noch mit der Stimme oder der Körpersprache. Mensch treibt vom Boden ganz gelassen ein gleichmäßiges Vorwärts und achtet nur darauf, dem Pferd genügend Raum zu lassen, damit es sich nicht durch die Umzäunung gedrückt fühlt. Wenn es sich austoben muss, darf es das. Und danach fängt die Arbeit an. Das bedeutet „ans Treiben kommen“. Ohne Ärger, ohne Vorschriften, das is´ so.

Das macht oft Angst. Aber so lernt das Pferd Selbst- und Impulskontrolle. Der Faszienkörper als Bewegungsorgan übt. Wer jede Bewegung vorgeschrieben bekommt, lernt nichts (oder nur für die Schule, statt für´s Leben).
 
Hier findet sich auch das Dilemma der TherapeutInnen. Behandeln ohne entsprechendes Training in freier Bewegung ist frustrierend für alle Beteiligten. Je nach Vorgeschichte des Pferdes ist es nicht einfach, den Weg zur freien Bewegung zu finden, da die behandlungsbedürftigen Pferde meistens ohnehin schon über ihre eigenen Füße fallen und keine eigenständige Kontrolle über ihren Körper haben. Man kann aber sicher sagen, dass sie lernen müssen, ihren Körper tensegral agieren zu lassen und dass sich auf jeden Fall etwas ändern muss, damit sich etwas bessern kann.
 
Versuchsreihe Atmung:
Sehr beeindruckend war vor vielen Jahren der Araber Echinus, mit dem ich im November auf einem lehmschlammigen Picadero an einem Hang des Pfälzerwaldes angefangen habe zu üben (sozusagen als letzte Maßnahme...). Das Pferd hatte massive Atemwegsprobleme und war zu diesem Zeitpunkt bereits dreimal zum Zwecke der Lungenleerung in der Klinik gewesen. Hier habe ich erstmals versucht, die Ausatmung mit dem nicht vorhandenen Schub zu koordinieren. Anfangs hielt das Pferd beim Ausatmen jedes Mal an! (Das Anhalten durch Ausatmen wird von einigen Trainern so geübt, ich halte diesen Ansatz für sehr zerstörerisch in Bezug auf die Integration der Atmung in die Bewegung. Das Konzept funktioniert auch nur, wenn Pferd und Reiter in der Bewegung die Luft anhalten.) Nachdem das Pferd in Gang gekommen war und dann auch sehr gut an der Doppellonge lief, gab es keine Probleme mit der Lunge mehr.

Das obere Bild ist eine Simulation des ursprünglichen Zustandes. Schlechte Gewohnheiten lassen sich ja problemlos auch nach längerer Zeit abrufen. Die Muskulatur verrät allerdings, dass es sich bei dem Foto nicht um eine echte "Vorher-Aufnahme" handelt. Dampfrinne, Halsknick und Axthieb sind bereits verschwunden. Zudem befinden wir uns auf einen echten Reitplatz und nicht im  Lehmschlamm der Anfangszeit.








 Alle Fotos und Texte (c) Maren Diehl und Maike Knifka 



Maike Knifka ist übrigens eine der Referentinnen bei der Gebrauchshaltungskonferenz im November 2018 in Klingenmünster. Wir freuen uns über weitere Anmeldungen zu dieser Veranstaltung von Falada e.V.!




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