Mittwoch, 20. Dezember 2017

Wieso, weshalb, warum...

... es wichtig ist, gelegentlich ausführlich über schwierige und komplexe Themen zu schreiben:

Mein letzter Post hat mir (mal wieder) gezeigt, dass es so viele Texte gibt wie Leser. Das ist jetzt vermutlich ein Quantenkonzept. *lach* Es ist ganz erstaunlich, dass ein Text so unterschiedliche Reaktionen erzeugen kann.

Erfreulich sind natürlich die vielen Rückmeldungen von Menschen, die sofort anfangen, sich mit den dargestellten Thesen zu befassen, um sie durch ihr eigenes Erleben bestätigen oder widerlegen zu können. Hier entsteht häufig ein sehr fruchtbarer Austausch und vor allem ein kreativer Prozess, der alle Beteiligten weiterbringt. Es zeigt sich eine immense Vielfalt in der Bezugnahme, es gibt keine zwei identischen Interpretationen. (Über die Trolle, die sich meistens als erste und möglichst abfällig äußern, ohne sich auf den Inhalt zu beziehen, schweige ich besser.)

Hier und heute geht es mir um jene LeserInnen, die darum ringen, das Geschriebene zu verstehen - was ohne entsprechende anatomische und bewegungsphysiologische Grundkenntnisse sicher schwer ist - und um die, die sich fragen, was sie mit diesem Wissen denn nun tun sollen.

Ganz grundsätzlich und nicht nur auf das Reiten bezogen gilt, dass es kein Zurück mehr gibt,wenn man erst einmal etwas erkannt hat. Das Erkannte verändert auch ohne unser Zutun die hochkomplexen Bewegungsgefühlsbilder, die wir alle haben. Der Unterschied besteht darin, ob man sich dieser Bilder und ihrer Bestandteile bewusst ist oder nicht.

Anhand eines sehr einfachen Beispiels lässt sich das recht gut nachvollziehen: Erinnert ihr euch an den Moment, in dem ihr erkannt habt, dass die Halswirbelsäule des Pferdes nicht direkt unter dem Mähnenkamm verläuft? Wie oft hattet ihr zuvor schon Bilder vom Pferdeskelett und dem Verlauf der Wirbelsäule gesehen, ohne euch der Bedeutung dieser Gegebenheit bewusst zu sein? Mit Sicherheit einige Male! Seit dem Moment des bewussten Erkennens jedoch könnt ihr nicht mehr mit der gleichen Bewegungsvorstellung reiten wie zuvor. Ihr seid nicht mehr die, die ihr vor dieser Erkenntnis wart. Das Gleiche gilt für die "Radnabe" in der Vorhand. Man kann sie im Ellbogen sehen oder im Schulterblatt.

Bewusstsein in Bezug auf "das, was ist" ist daher kein esoterischer Kram sondern ein lebenslanger Prozess, in dem sich sowohl die Details unseres Weltbildes als auch das Ganze immer wieder verändern. Neue Details sprengen gewohnte Zusammenhänge, sie führen erst zu größerer Detailgenauigkeit und in der Folge wiederum zum Entstehen von neuen "Makros", die die Betrachtung wieder vereinfachen und verhindern, dass wir uns im Mikrokosmos verlieren.

Das Reiten ist für mich an manchen Tagen, als wollte ich über unzählige Verbindungen zahllose Einzelteile wahrnehmen und an anderen Tagen ist plötzlich alles eins und alles gut. Das Bewegungsgefühlsbild zerlegt sich, erneuert sich in einem oder mehreren Details und fügt sich wieder zusammen. Dieser Prozess wirkt auf viele Reiter erschreckend, weil er Gewohntes verändert. Andererseits kann man weder in Bewegungsabläufen noch im wirklichen Leben Einzelheiten verändern, ohne das Ganze zu verändern.

Das Bewusstsein verändert das Geschehen. Das ist keine Floskel. Das ist unter anderem auch die Grundlage für die "inneren" Stile der Kampfkunst. Auf dem Sofa sitzen und meditierend "Bewusstsein" erfahren unterscheidet sich stark vom "sich dessen, was im eigenen und im Pferdekörper geschieht in jedem Bewegungsmoment bewusst sein".  Wer weiß, was ist, kann differenzierter wahrnehmen und vor allem differenzierter Bewegungen zulassen. Letzteres ist übrigens der Schlüssel für alle, die sich dagegen wehren, dem Pferd vorzuschreiben, was es tun und wie es sich bewegen soll. Bewusstsein führt zu Interaktion statt zu "Hilfengebung".

Auf Dauer nutzten die meisten Pferde im einvernehmlichen gemeinsamen Bewegen nur die Möglichkeiten, die unser menschliches Bewegungsgefühlsbild zulässt. Eine begrenzte Vorstellung von dem, wie ein Pferd ist und wie es sich bewegen kann, schränkt das Pferd auf lange Sicht ein wie ein Gipskorsett.

Wer also nicht auf einem bewegungsstarken, gesunden Pferd Reiten gelernt hat - wobei "Reiten lernen" für mich die Entwicklung passender Bewegungsgefühlsbilder für unterschiedliche Formen des Bewegungsausdrucks bedeutet - benötigt andere Wege. Hier sehe ich die Schulung der (Bewegungs-)Wahrnehmung und des (Körper-)Bewusstseins an erster Stelle.

In diesem Zusammenhang gesehen bietet mein vorheriger Post die Vorlage für kreative und konstruktive Arbeit mit Bewegungsgefühlsbildern. Für die, die so üben wollen.

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