Donnerstag, 7. Dezember 2017

Betrachtungen zu den Rotationsrichtungen in der Wirbelsäule des Reitpferdes auf gebogenen Linien

In den diesem Post vorangegangenen Gesprächen hat sich die Notwendigkeit gezeigt, im Vorfeld einige Begrifflichkeiten zu klären. Zum Einen geht es um den Unterschied und die Zusammenhänge zwischen Rotation und Torsion, zum Anderen um die Bezeichnungen für die Rotationsrichtungen. Schließlich gilt es auch noch, die unterschiedlichen Betrachtungsweisen bezüglich der Struktur der Wirbelsäule zu berücksichtigen. Hier kommen dann auch noch die Faszienzugbahnen ins Spiel.*

Da Maike Knifka und ich aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten - sie als Therapeutin und ich als Reiterin oder Pferd, je nach Bedarf - erklären wir in unterschiedlicher Wortwahl mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wer out-of-the-box forschen will, muss mehrsprachig verstehen können. Deshalb haben wir diesen Post als Austausch verfasst und in der Folge ist Maikes Text grün und meiner schwarz.
 
Rotation oder Torsion?
 
Die Rotation eines Körperteiles führt in einer tensegralen Struktur immer zu Torsion anderer Bereiche. Als einfaches Beispiel für das Verständnis von Rotation und Torsion kann man ein Handtuch auswringen. Man rotiert die beiden Enden des Handtuches gegeneinander und in der Folge entsteht im Handtuch Torsion. (Dank an Maike Knifka für dieses Bild.)
 
Rotation beschreibt die Drehung um eine Achse, Torsion das, was mit der Achse geschieht, wenn das rotierende Element mit der Achse fest verbunden und das andere Ende der Achse fixiert ist oder an jedem Ende der Achse gegenläufig zueinander rotierende Elemente befestigt sind.

Unsere Vorstellungskraft gibt uns die Möglichkeit, sehr unterschiedlich zu definieren, welche Körperteile rotieren, wo gedachte Fixpunkte sind, wo Torsion stattfindet – und wie sie sich wieder entlädt.

Die Rotationsrichtungen

Die Definition der Rotationsrichtungen gestaltet sich schwierig, weil die Therapeuten die Rotationsrichtung anders betrachten als ich und die meisten Nichttherapeuten, mit denen ich bislang über dieses Thema gesprochen habe.

Therapeuten beziehen sich auf die Bewegungsrichtung des Brustbeines bei der Rotation (also auf die Wirbelunterseite). Bewegt sich das Brustbein nach rechts, handelt es sich um Rotation rechts. In der Folge rotiert aus Therapeutensicht das Becken nach rechts, wenn sich die rechte Hüfte hebt. Ich würde diese Bewegung als Rotation nach links bezeichnen, also das Becken wie eine Flügelmutter am hinteren Ende der Wirbelsäule betrachten.

Wie jetzt? fragt der Schecke.Ich biete beides an und bitte um Rückmeldung meiner Leserinnen und Leser!
 
Wie sich im folgenden Text zeigen wird, sehe ich die Brustwirbel im Bereich der Tragerippen (2) als die am ruhigsten getragenen Wirbel mit der geringsten Rotation gegen das Bewegungslot. Definiere ich hier meinen Bezugspunkt und bleibe gleichzeitig bei dem Bild mit der Flügelmutter auf beiden Enden der Wirbelsäule, rotiert das Kreuzbein im Bild nach rechts, wenn sich die rechte Hüfte senkt. Bei einer durch die gesamte Wirbelsäule gehende Torsion nach dem Bild des Handtuches rotieren die Halswirbel (Flügelmutter vorne) nun nach links.
 
In einer Rechtsbiegung des Pferdes ist die Abwärtsbewegung der inneren Hüfte stärker betont als die der äußeren, wobei zu beachten ist, dass es sich um eine Betonung innerhalb der Bewegungsabläufe handelt und keine starre Einstellung.

Tensegrität durch Torsion zwischen Atlas und Becken

Liebe Maren, das Bild der Flügelmutter als Symbol für das Becken als „Rotationsmotor“ kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch in meiner Vorstellung wird durch die abwechselnde Bewegung der Hintergliedmaßen im Becken eine „oszilierende Schiffsschraubenbewegung“ initiiert, also Rotation im stetigen Richtungswechsel. Das Gegenstück der „Becken-Flügelmutter“ ist für mich der Atlas. Bei optimaler tensegraler Spannung rotiert in Biegungen die Flügelmutter vorne stets entgegen der Flügelmutter hinten. Eben genau so, wie man ein Handtuch durch gegenläufige Bewegungen auswringt.

Meine Vorstellung ist, dass in deinem Beispiel der Rechtsbiegung mit tendenziell rechtsseitig tiefer liegendem Becken nicht die gesamte Halswirbelsäule entgegengesetzt rotiert, sondern die eindeutige Gegenrotation des Atlas die ersten Halswirbel noch mit in seine Rotationsrichtung nimmt und irgendwo im weiteren Verlauf dann nach und nach die Umkehr in die Beckenrotationsrichtung stattfindet.
 
Betrachtet man die Wirbelsäule im Ganzen (Bild oben), rotieren vom Kreuzbein aus betrachtet alle Wirbel im Rahmen ihrer unterschiedlichen physiologischen Bewegungsmöglichkeiten im Verhältnis zu ihrem Vorgänger ein wenig (!) nach links. Aus Sicht der Wirbelsäule gibt es also keine Rotationsumkehr. Wohl aber aus der Sicht des Reiters oder eines beliebigen Referenzpunktes (s.unten!) in der Wirbelsäule.
 
Lass ins Gelände gehen, sagt der Schecke.

Der alte Grundsatz „keine Biegung ohne Stellung“ ist im Grunde genommen ein Tensegritäts-Bekenntnis, denn die Hilfestellung der Reiters zur Stellung des Genicks in Biegerichtung führt zur Gegenrotation des Atlas und stabilisiert so das Gesamtsystem.
 
Gefühlte Zusammenhänge

Wer in der Lage ist, das Bewegungsgefühl des Pferdes nachzuempfinden, kann sich vorstellen, dass es auf jeden Fall angenehmer ist, wenn Sattel und Reitergewicht im Bewegungslot getragen werden können und die Kraft der Vorderbeine sich gegen die gemeinsame Masse richten kann. Da das Pferd im Laufe der Ausbildung in Trab und Galopp auf gebogenen Linien immer wendiger werden und weniger Schräglage zeigen soll, muss demnach der Brustkorb senkrechter getragen werden (nächster Post...), während die Ausrichtung der Schubkraft durch die Veränderung der Beckenposition immer präziser wird.
 
In die Auf- und Entladung der Hanken fließen demnach die Rotationsbewegungen der Wirbelsäule mit ein. Das „innen tiefer Sitzen“ auf gebogenen Linien, von dem in den meisten Reitweisen die Rede ist, das man jedoch selten sieht, wird demnach durch die Wirbelsäulenrotation der hinteren Brustwirbel und der LWS und das dadurch sinkende Becken verursacht oder andersherum betrachtet, durch die aus der Beckenneigung nach innen entstehende Torsion in der Wirbelsäule. Bei einem kraftvollen Pferd spürt man jedoch nicht nur die Aufladung, sondern auch die Entladung des inneren Hinterbeines in Bewegungsrichtung.

Letzteres führt dazu, das man sich nicht mehr die Frage stellt, ob die Dornfortsätze nach innen oder außen kippen – sie ziehen in Bewegungsrichtung vorwärts wie eine Haifischflosse. Betrachtet man den Pferdekörper als tensegrale Struktur, lädt sich das Pferd in den jeweiligen Rotationsrichtungen selbst auf, die Knochen schwingen im Netz des Faszienkörpers.

Genaugenommen beeinflussen wir als Reiter also nicht die genaue Position der einzelnen Knochen, sondern die Bewegungsamplituden, die sich im Verhältnis zueinander verändern, sowie den Bezug verschiedener Teile zueinander...
 
     Durchlässigkeit

     Im Grunde genommen muss nicht das Pferd Durchlässig sein, sondern viel mehr der Reiter. Das ist sicherlich eine ungewöhnliche Formulierung. Aber der Reiter sitzt zwischen diesen beiden gedachten Flügelmuttern und muss mit den von dir beschriebenen korrekten inneren Bildern und Hilfestellungen die ausbalancierte Tensegrität des gesamten Pferdekörpers (und des eigenen Körpers!) zulassen und unterstützen. Die durch den Reiter verursachten Kollabierungen des Gesamtsystems sind vielfältig und allseits bekannt.
...weil Durchlässigkeit gerne mit lose sein verwechselt wird und körperliche Aktivität häufig "Einwirkung" bedeutet statt Präsenz.
 
   Das Zwerchfell ist Teil des Bewegungsapparats

   Zentrale Verknüpfungsstruktur zwischen „hinten und vorne“ ist das Zwerchfell des Pferdes, das sich unter dem Reiter ausspannt. Die Atmung des Reiters nimmt daher auch eine wichtige Durchlässigkeitsfunktion ein.

Mit dem großen Thema Zwerchfell und Atmung komme ich etwas vom eigentlichen Thema „Rotationsrichtungen“ ab
(dafür aber zielsicher zum Werbeblock: Dies wird eines der Themen der Gebrauchshaltungskonferenz sein!), aber ohne harmonischen und stabilen Körperkern fehlt dem Pferd ja die Möglichkeit der Ausrichtung auf das Bewegungslot und die Gefahr der Ablenkung von der gewünschten Kraftrichtung ist groß, so dass das Zwerchfell vielleicht doch mit hinein gehört in die Gedanken um die Rotationsrichtungen. Dieses Thema lässt sich bestimmt an anderer Stelle noch vertiefen (s.o.).

... Auf der gebogenen Linie verändern sich die Amplituden dahingehend, dass die Innenneigung des Beckens etwas stärker wird als die Außenneigung und sich die innere Hüfte senkt. Wobei hier in die Betrachtung einfließen sollte, dass das nur funktioniert, wenn das LSG geschlossen/gestreckt ist und Knie- und Hüftgelenk sich unter Last beugen. Ist das LSG offen/gebeugt, hebt sich die Kruppe erreicht in der Mitte der Stützbeinphase des inneren Hinterbeines ihren höchsten Punkt.
 
Das Kreuzbein zeigt am hinteren Ende des Rumpfes die Summe der Bewegungsamplituden der hinteren Brustwirbel und der Lendenwirbel mit jedem Schritt und wechselt ständig die Rotationsrichtung, wie an der Beckenbewegung sichtbar wird. Oder dämpfen die Wirbelverbindungen die durch die Auf- und Entladung der Hanken in der Wirbelsäule erzeugte Torsion?

Sobald die Beckenrotation nach innen zu stark wird, dissoziiert das Kreuzbein und damit das äußere Hinterbein und das Pferd geht „über die äußere Schulter“, weil das äußere Hinterbein keinen richtungsgebenden Schub mehr machen kann. Die Wirbelsäule kann nun die Torsion nicht mehr verarbeiten und „lenkt ab“.

Andersherum könnte man argumentieren, dass das Becken dissoziiert, wenn die gesamte Rumpfstruktur die Torsionskräfte nicht ausreichend integriert. Hier sind wir dann bei der Notwendigkeit des Trainings der Kernstrukturen und der Tiefen Rumpflinien (Faszienzugbahnen) angekommen.
 
     Stabilisierender „Heckantrieb“

     Der Impuls für eine positive Aufspannung muss von der Hinterhand ausgehen. Die Ausrichtung der hier entwickelten Kraft geht nach vorne oben Richtung Atlas und Genick. Die entstehenden Torsionen bestehen in der gesamten tensegralen Körperstruktur und finden in der gegenläufigen Atlasrotation ihr stabilisierendes und begrenzendes Pendant. Der Reiter spürt im Idealfall unter sich ein stabiles System, das sich durch ein spürbares, wie du es nennst haifischflossen-artiges Vorwärts auszeichnet.


Da die tensegralen Strukturen im Pferd so vielfältig sind, gibt es nicht nur unterschiedlich große Rotationsamplituden und -richtungen, sondern auch eine unterschiedliche Festigkeit und Belastbarkeit. Je besser das Pferd seinen Körper nutzt, um so stabiler wird der Rumpfbereich unter Last, während der Hals sich leichter und beweglicher anfühlt. Dies könnte den Erfahrungen Steinbrechts entsprechen, der ja immer wieder nachdrücklich davor gewarnt hat, den Hals des Pferdes lose zu arbeiten, bevor dieses in seiner Kraft ist. Denn der sich leicht anfühlende Pferdehals fühlt sich nur deshalb so an, weil er gut mit dem Rumpf verbunden ist und letzterer sich von ersterem führen lässt.

... Insgesamt alles Eigenschaften, die sich beim Pferd zeigen, das seine Kraft aus der Hinterhand entwickelt und über Becken und Kreuzbein nach vorne überträgt. Die Hinterhand ist somit für die Vorwärtsbewegung zuständig, die Vorhand für die Aufwärtsbewegung. Ohne Kraft aus der Hinterhand kollabiert das System und die Vorhand muss sich durch Vorwärtsziehen zwangsläufig an der Vorwärtsbewegung beteiligen.
 
Betrachtungsweisen

Um die Zusammenhänge korrekt einordnen zu können, sollte man die verschiedenen Vorstellungen von dem, was und wie eine Wirbelsäule ist, kennen. Unterschiedliche Betrachtungsweisen fürhren zu unterschiedlichen Schlüssen.

(1) Die Wirbelsäule als lose Kette von Wirbeln

Dieses Bild bietet zu viele mögliche Bewegungsrichtungen, die Biege- und Torsionssteifigkeit ist zu gering. Eine solche Struktur ist nicht belastbar. > Pferd nicht reitbar

     Systemkollaps durch Hypermobilität

   Wenn ich in der Bewegungsbeurteilung eines Patientenpferdes sage (zugegebenermaßen augenzwinkernd), dass mir das Pferd zu wenig steif ist, ernte ich erstaunte Gesichter. Wer „tensegral denkt“ weiß sofort, was damit gemeint gemeint ist, aber sehr häufig begegnet mir der Wunsch des Reiters nach mehr Beweglichkeit, mehr Biegefähigkeit usw.. Das Pferd wird als steif und „auseinander gefallen“ beschrieben.
 
In der Bewegung fehlt diesen Pferden aber keine Biegsamkeit, sondern Kraftentwicklung aus der Hinterhand und die Möglichkeit der Kraftübertragung auf das Gesamtsystem. Der Hinterhand fehlt es an „Vorwärts“ und der Vorhand an „Aufwärts“. Den Schwerpunkt auf Biegefähigkeit zu legen, ohne dabei den Fokus auf Systemstabilisation und Kraftrichtung zu legen, führt meiner Meinung nach zu noch mehr wabbeligen, schlängelnden und kraftlosen Bewegungen und geradewegs in die pathologische Bewegungsphasenverschiebung, die du in deinem zweiten Buch so treffend beschreibst.

Für mich sind deutlich sichtbare Dornfortsatzbewegungen, Brustbeinverschiebungen und starkes Beckenkippen in der Bewegung stets Anzeichen von Kollabierungen der tensegralen Struktur im Sinne des Zusammenspiels aus Spannungselementen (myofasziales System) und Druckelementen (Skelett) und nicht positiver Ausdruck von Beweglichkeit oder gar Elastizität. Elastizität entsteht dadurch, dass sich das Weichgewebe die Knochen zum Aufspannen zu nutze machen kann. Bei diesem Bild wird klar, dass deswegen das Skelett immer im Bewegungslot bleiben muss, da es ansonsten zu Turbulenzen im System kommt.

Ich denke, dass die durch die Beckenrotation entstehenden Torsionskräfte im Idealfall der Bewegungsbalance auf die gesamte Wirbelsäule verteilt werden, wo sie durch kleinste „In- und Gegeneinander-Rotationen“ organisiert und genutzt werden. Betonte Bewegungsrichtungen entstehen dann in Biegungen, ohne dass die Kleinstbewegungen aufhören.
 
(2) Achse, auf der Wirbel aufgereiht sind
 
Stellt man sich die Wirbelsäule als Achse vor, auf der die Wirbel aufgereiht sind, ist es denkbar, dass einzelne Wirbel sich auf der Achse innerhalb ihres natürlichen Bewegungsspielraumes gegen die anderen verdrehen, was unweigerlich geschieht, wenn man die Achse biegen will, ohne Rotation zu ermöglichen. Das Pferd folgt dem Bild, das der Reiter von ihm hat - anders lassen sich die unterschiedlichen Bewegungsmuster m.E. nicht erklären! So ist wenig physiologisch sinnvolle Biegung möglich, die Belastbarkeit ist gering. > Pferd reitbar, aber ständig behandlungsbedürftig.
 
(3) Tensegrale Struktur

Die Wirbel bilden gemeinsam eine gleichzeitig biegsame, biegesteife und torsionsbelastbare Struktur, in der durch Rotation des Beckens stärkende Torsion ausgeübt wird. Sehr wesentlich ist hier die Eigenschaft tensegraler Strukturen, auf Druck- oder Zugbelastung mit Rotation zu reagieren und bei Belastung durch Torsion sofort fester und belastbarer zu werden, ohne zu verkrampfen. Biegung und Rotation gehören hier immer zusammen und bedingen sich gegenseitig.  > Pferd sehr belastbar, aber unreitbar, wenn mit unpassenden Bewegungsmustern gearbeitet wird.

Referenzwirbel*

Weiter oben habe ich den Begriff „Referenzpunkt“ bzw. „Referenzwirbel“ eingeführt, um eine Möglichkeit zu finden, die Ausrichtung der in sich spiralisierten Wirbelsäule im Raum zu definieren. Der Referenzpunkt bezieht sich immer auf den im Bewegungslot stehenden Wirbel – und das kann in der über die ganze Länge physiologisch sinnvoll spiralisierten Wirbelsäule nur einer sein. Beim Pferd. Bei der Schlange ist es anders.

Nehmen wir als Referenzpunkt einen der Brustwirbel im Widerristbereich: Unabhängig davon, wie winzig die Rotation der Brustwirbel zueinander ist, es kann immer nur ein Wirbel im Bewegungslot stehen. Alle, die sich davor befinden, rotieren in Bezug auf diesen Wirbel in die eine Richtung, alle, die dahinter sind, rotieren in Bezug auf diesen Wirbel in die andere Richtung. Obwohl die Rotationsrichtung aller Wirbel zu ihrem jeweiligen Vorgänger gleich ist.

Befindet sich der Referenzpunkt im letzten Lendenwirbel, rotieren alle Wirbel davor in Bezug auf diesen Punkt in die gleiche Richtung, wenn auch in Bezug auf Vorgänger und Nachfolger in den unterschiedlichen Wirbelsäulenregionen unterschiedlich weit. Wenn also das Becken waagerecht ist, neigen sich die Dornfortsätze zur Seite und die Halswirbel drehen sich noch weiter in die gleiche Richtung.

Steht der dritte Halswirbel senkrecht, neigen sich die Dornfortsätze zur Seite und das Becken neigt sich noch weiter in die gleiche Richtung.

*Referenz-Wirbel, nicht Referen-Zwirbel! :D
 
Thesen:
 
Aufgrund der uns zur Verfügung stehenden Informationen und meiner Arbeit mit dem Bewegungsgefühl in Verbindung mit Kraftschluss möchten wir folgende Thesen aufstellen:

(1) Ist das Pferd sehr tief eingestellt (Pferdenase unterhalb der Linie Hüfte-CTÜ), rotiert der Brustkorb im Verhältnis zum Becken (oder mit dem Becken, dann hebt das äußere Hinterbein ab) mit den Dornfortsätzen nach innen. Die äußere Hüfte hebt sich. Die Halswirbel rotieren nach innen**. (Der senkrechte Referenzpunkt/-wirbel innerhalb der aufspiralisierten Wirbelsäule befindet sich im Kreuzbein bzw. hinter dem Kreuzbein.)

Das beobachte ich auch so und ich würde sagen, dass hier die Becken- und Atlasrotationen verkehrt herum im Sinne der tensegralen Kraftübertragung stattfinden. Das Pferd läuft sozusagen nicht „von hinten nach vorne-oben“, sondern „mit vorne nach vorne-unten“. Die Frage ist ja nun auch, wie sich die myofaszialen Zugbahnen bei den jeweiligen Körperhaltungsmustern verhalten.
Meine Beobachtung hierzu ist, dass in diesem Fall der tiefen Kopf-Hals-Position das Pferd durch die starke Betonung der Vorhandbelastung die muskuläre Aktionsbasis nach vorne in den Schulterbereich legt. Hierbei sehe ich die Spirallinie und die Laterallinie im Vordergrund. Die Überbelastung des großen Rumpfträgers (m. serratus ventralis thoracale) und Mitglied der Spirallinie führt dazu, dass der Gesamtbewegung die muskuläre Aktion der Rumpfträger und damit der Rumpfanhebung- und stabilisation abhanden kommt. Die Kraftrichtungen aus den Vorderbeinen und Rumpfhebern sind nicht mehr gegen das Reitergewicht gerichtet.
 
Im weiteren Verlauf der Spirallinie arbeitet der m. obliquus externus abdominis (äußerer schräger Bauchmuskel) betonter als der gegenüber liegende innere schräge Bauchmuskel. Somit ist die Stabilisation des Brustkorbs gefährdet und dieser gerät in Biegungen in Außenrotation (Dornfortsätze nach innen, Brustbein nach außen). 

Foto: Bauchhautmuskel,
linke Körperseite,
Blick auf Bauchunterseite 
(c) Maike Knifka
Sehr interessant finde ich hierbei auch die Arbeitsweise der Laterallinien und zwar vor allem des häufig sehr stiefmütterlich behandelten Bauchhautmuskels (m. cutaneus colli), der im Rumpfbereich die äußerste breitflächige und dicke (bis zu 3 cm!) Muskelschicht darstellt. Er ist betonter im vorderen Rumpfbereich ausgebildet und stark an der lateralen Balance beteiligt. Bei starker Vorhandlastigkeit wird er meiner Meinung nach nicht ausreichend von der hinteren Bewegungsbasis (Hinterhandbewegung) gespannt und kann seine stabilisierende Wirkung nicht entfalten. 
 
So, wie ich die erste Studie von W. Södring-Elbrond verstanden habe, sind die Laterallinien mit ihren sich kreuzenden Zügen in einer mittleren Aufrichtung am besten im Gleichgewicht. Das wäre auch nochmal ein Thema für einen Post. :D
 
 
 

(2) Ist das Pferd sehr hoch eingestellt bei gleichzeitig abfallender Linie Hüfte-CTÜ, rotiert das Becken mit der inneren Hüfte nach oben, die Dornfortsätze zeigen nach außen. Die Halswirbel rotieren nach innen**. (Der senkrechte Referenzpunkt/-wirbel innerhalb der aufspiralisierten Wirbelsäule befindet sich in der mittleren HWS.)
 
Bei hoch aufgerichteter Kopf-Halsposition mit tief liegendem CTÜ herrscht in der Wirbelsäule die Extensionstellung vor, was kompensatorisch meistens zur Steilstellung des Beckens führt. Entweder mit Lendenwirbelsäule in Extension, oder sehr häufig auch in Flexion. Die Steilstellung führt zur Flexion, oder Öffnung des LSÜ. Diese Haltung stellt für mich dann immer eine komplette Kollabierung der myofaszialen Zugbahnen mit Verlust der gewünschten Bewegungsausrichtung nach vorne-oben dar. Im kollabierten LSÜ ist die Kraftübertragung vor allem der in die oberflächliche Dorsallinie mündenden Spirallinie und der Dorsallinie selbst mangels Kraftschluss behindert.
 
(3) Befinden sich CTÜ und Hüfte auf einer Linie mit dem Pferdemaul (oder mindestens auf einer horizontalen Linie), bleibt der Brustkorb im Bewegungslot und das Becken neigt sich nach innen und die Halswirbel rotieren nach außen***. (Der senkrechte Referenzpunkt/-wirbel innerhalb der aufspiralisierten Wirbelsäule befindet sich in der BWS im Bereich der Tragerippen.)

Im Idealfall gewährleistet ein geschlossener LSÜ in Neutralstellung die Arbeit der Zugbahnen und andersherum gewährleistet eine muskulär aktive Arbeit der Zugbahnen die Kraftübertragung im LSÜ. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich anschaut, wie stark die LSÜ-Region muskulär-faszial überspannt ist. Mein Bild ist hierbei, dass dies nur dann möglich ist, wenn die Aktionsbasis für Vorwärtsbewegungen hinten und die für Aufwärtsbewegungen vorne liegt. Nur die kräftige Vorwärtsbewegung aus der hinteren Aktionsbasis heraus ermöglicht der vorderen Basis eine aufrichtende, muskulär dominante, abstützende Bewegung. Das gelungene Zusammenspiel erhält die pyhsiologischen Bewegungsphasen der Gliedmaßen. Wirbelsäule und Brustkorb bleiben im Lot und ermöglichen als annähernd „ruhender Pol“ ausbalancierte Muskelaktionen, in welcher Form auch immer. Diese führen zu einer für die Bewegungsübertragung unerlässlichen positiven „Versteifung“ der Wirbelsäule.


Wenn man einheitlich nach einer Lehre ausgebildete Pferde betrachtet, kann man zu dem Schluss kommen, dass es so sein müsse, wie es ist.

Vergleicht man die Schulen miteinander, findet man alle oben genannten Variationen und vermutlich noch ein paar andere.
 
Die große Frage ist für mich: Ist es gut so, wie es ist - oder ist es nur mangels praktikabler Alternativen so, wie es ist? Ist das, was ich mehrheitlich beobachten kann aufgrund der signifikanten Masse gut? Ist die Norm, das was überall zu sehen ist, für mich und/oder das Pferd erstrebenswert? Warum? Wie verändert sich die Norm von Reitweise zu Reitweise? Was haben tragkräftige, kooperative bewegungskompetente Pferde gemeinsam?

* Maike Knifka hat im November eine Fortbildung bei Wiebeke Södring-Elbrond zu den Tiefen Faszienzugbahnen beim Pferd gemacht, zu der auch eine Sektion gehörte. Es freut mich, dass diese Zugbahnen, von deren Vorhandensein ich beim Verfassen von "Jenseits der Biomechanik - Biotensegrity" ausging, nun auch nachgewiesen sind.

Und was macht nun der Hals?

Die Rotationsrichtung muss hier nach meiner Definition der Biegung entgegengesetzt laufen, also Biegung links, Rotation rechts. (Damit unser Handtuch nicht mittendrin die Richtung wechseln muss.) So fühlt es sich auch beim Reiten an, wenn es richtig gut ist. Findet auch der Schecke, beschreiben wir im nächsten Post. Oder im übernächsten. Rotation des Halses in Biegerichtung**** haben wir beim Kratzen mit dem Huf hinterm Ohr. Das Kreuzbein rotiert dann gegen die Biegerichtung****, die Innenseite des Beckens hebt sich...

Dechaotisation der Richtungen:
**Therapeutensicht: Halswirbel rotieren nach außen
***Therapeutensicht: Halswirbel rotieren nach innen
***Therapeutensicht: Rotation links, die Unterseite der Halswirbel bewegt sich nach links
****Aus Therapeutensicht gegen die Biegerichtung, Kreuzbein in Biegerichtung


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ein sehr interessanter Artikel!
In meiner Pferdephysio-Ausbildung habe ich noch gelernt, dass (entsprechend der Regel von Lovett) die Rotation der Wirbel davon abhängig ist, ob sich die Wirbelsäule in Felexion oder Extension befindet. In Felxion ist die Rotation gleichseitig, in Extension gegenläufig. (Nach anatomischer Ansicht. In Flexion gehen die Dornfortsätze also nach außen). Ich kann das nicht zu 100% mit euren Thesen in Einklang bringen, was aber vielleicht auch daran liegt, dass man ja ganz unterschiedliche Bilder von einem Pferd mit hohen oder tiefen Hals haben kann. Was sind denn die Annahmen hinter dem tief laufenden und dem aufgerichtet gehenden Pferd?

Der stabilisierende Hinterantrieb und die Haifischflossen sind dafür Bilder, die sich (auch ganz abseits jeder Theorie)sehr gut mit meinem Empfinden decken. Eine gute Biegung ist nie spektakulär viel Biegung, entsteht immer in der Hinterhand und stabilisiert den Brustkorb und den Halsansatz. Von dieser Seite aus betrachtet sind vielleicht auch die Rotationen, in welche Richtung sie auch gehen mögen, weniger beachtenswert als die Nicht-Rotation. Wenn sich selbst Fachleute teilweise nicht einige werden können, in welche Richtungen die Rotation stattfindet kann man vielleicht festhalten, dass sie, wenn sie einen in der Wahnehmung direkt "anspringen", wohl übertieben und zuviel ist.

M.aren hat gesagt…

Hallo, schade, dass du deinen Namen nicht hinterlassen hast!
Für mich ist ein ganz wesentliches Element für die physiologisch sinnvolle und kräftigende Rotation, dass sie aus einem Wollen entsteht und nicht als Ausweichbewegung. Diese Möglichkeiten gibt es ja auch noch.
Die Absolute Aufrichtung bringt m.E. die Rotation der Dornfortsätze nach außen mit sich, die sehr tiefe V/A-Haltung eine Rotation der Dornfortsätze nach innen.
Bei der korrekten relativen Aufrichtung bei einem Pferd mit gut ausgeprägten Kernstrukturen sind die Dfs m.E. senkrecht zum Bewegungslot.
Uns ging es allerdings in erster Linie darum, die ganzen Begriffe und zuordnungen mal zusammenzutragen und zu klären. Denn oft wird aneinander vorbeigeredet, weil etwas anderes verstanden wird, als gemeint ist.
Mit dem "Anspringen" liegst du garantiert richtig!
Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße,
Maren

Katja hat gesagt…

Danke für die Antwort.
Ok, eure Annahmen stehen dann im Gegensatz zu der Regel, die ich noch gelernt habe (normalerweise gehen die Dornfortsätze der Wirbelsäule in der Biegung nach außen) und die ich durch eigenes Erleben auch immer bestätigt gesehen habe. Allerdings bezieht sich das auch auf eine Untersuchung am stehenden Pferd, bei der die Bewegungen durch den Therapeuten hervorgerufen werden. In dynamischer Bewegung und mit einem durch das Pferd selbst gegebenen Impuls kann ich mir auch durchaus ein anderes Verhalten vorstellen. Ich werde mal verstärkt darauf achten.

Viele Grüße,
Katja (diesmal den Namen nicht vergessen)

M.aren hat gesagt…

Liebe Katja,
wenn ein stehendes Pferd gebogen wird, neigen sich die Dornfortsätze vermutlich nach außen, vor allem, wenn die Biegung vom Kopf aus initiiert wird und deshalb keine Spiralisierung der Wirbelsäule erfolgt. Das heißt, das Pferd steht in diesem Versuchsaufbau mit allen vier Füßen am Boden und hat daher auch keine Beckenneigung nach innen oder außen. Das hat also auch nichts damit zu tun, wie ein Pferd auf gebogenen Linien einen Reiter tragen kann und ist daher nur ein Mobilitätstest, denke ich.

Wenn man ein Pferd in Bewegung betrachtet, ist es extrem unpraktisch für Reiter und Pferd, wenn die Dornfortsätze sich nach außen neigen. Tschüß Reiter. ;)

Und dann kommt in der Bewegung auf gebogenen Linien zu der Spiralisierung der Wirbelsäule (ich hoffe, der Unterschied zwischen Rotation und Spiralisierung ist klar geworden) ja noch deren durch den senkrechten Referenz-Wirbel definierte Ausrichtung hinzu... Und der Schub und die motorischen Massen und und und...

Bin gespannt, was deine Betrachtungen ergeben. :)

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag! So ganz blicke ich noch nicht durch, aber ein paar Lichter sind mir aufgegangen. Ich komme aus dem Gangpferdebereich und beschäftige mich seit einiger Zeit damit, wie man Tölt und ggf. Pass "über den Rücken" reiten kann, bzw. woran man einen Rückengänger im Tölt erkennt. Mich hat immer schon gewundert, warum extreme Unterhälse mit einem weit vorgreifenden Hinterbein kombiniert sind. Deine These zum Abkippenden im LSÜ erklärt das. Vor allem, weil die Hinterbeine im Tölt und Pass eher gestreckt nach vorne geführt werden. Dazu passt, dass der Rumpf nach unten absinkt. Damit könnte auch zusammenhängen, dass der Kollaps der Faszienbahnen gesprungene Bewegungen verhindern und viele Gangpferde ein sehr weiches Bindegewebe haben. Wobei sich die Frage nach Henne oder Ei stellt - ist die genetisch nachweisbare Gangveranlagung Ursache für oder Auswirkung von Hypermobilität? Im Training merke ich auf jeden Fall, dass Trab und Galopp meinen Naturtölter "stabiler" werden lassen. Genauso auch eine sehr tiefe Kopf-Halshaltung mit der Nase vor der Senkrechten. Und Seitengänge können bei "Mogelbewegungen" schnell noch instabiler machen. Ich muss es unbedingt mal zu einem Kurs von dir schaffen! Liebe Grüße, Anja

M.aren hat gesagt…

Hallo Anja,
dein Forschungsbereich ist sehr interessant. Ich hatte ebenfalls mal einen hypermobilen Isländer, weshalb ich sehr genau weiß, wovon du schreibst. Wenn du es schaffst, eine "Über-den-Rücken-Idee" zu bekommen, die nichts mit "Rücken aufwölben" aber alles mit tensegraler Struktur zu tun hat, hast du schon fast gewonnen.
Da dir das Problem mit den kollabierten Faszienzugbahnen klar ist, bist du sicher schon auf dem richtigen Weg.
Wenn dein Isländer nur mit sehr tiefer Kopfhaltung stabiler wird, stell dir vor, er soll mit dem Maul (aus dem ganzen Körper heraus agierend) einen Korb voller Karotten hochheben. Immer nur ein paar Zentimeter. :)
Würde mich freuen, wenn wir uns tatsächlich bei einem Kurs sehen.