Dienstag, 28. November 2017

Rotation und Torsion in der Wirbelsäule des Pferdes

Es ist unglaublich, um wie viel klarer sowohl Vorstellung als auch Ergebnis werden, wenn man den Fokus auf das Kreuzbein und dessen Anbindung an Wirbelsäule und Brustbein richtet, statt auf die Beckenrotation. Bislang konnte ich bei all denen, die sich mit der Beckenrotation beschäftigten, viel Geschaukel und im Ganzen kraft- und richtungslose Pferde mit verschobenen Kraftphasen beobachten. Bei denen wiederum, die eine gute Kraftübertragung erreichten, fehlte die Geschmeidigkeit.“

Das war der Anfang eines vielversprechenden Posts über Fokus und Bewegungsgefühl. Und dann habe ich alle gedanklichen Fäden bis zum Schluss verfolgt, in einem langen Telefonat mit Maike Knifka besprochen, und in einem weiteren mit Katja Eser. Danke euch beiden für eure Zeit und die Bereitschaft, die Sachverhalte zu diskutieren und die Definitionen zu klären!

Auch der Schecke hat hochkonzentriert mitgearbeitet und natürlich auch diskutiert.

Es ist zu bezweifeln, dass man diesen Text ohne ein Verständnis für Tensegrität und ein vorangegangenes gutes Training für den eigenen Körper in seiner vollen Bedeutung erfassen kann. Aber Achtung: Ein tensegrales Bewegungsverständnis setzt nicht zwangsläufig intellektuelles Wissen über Tensegrität voraus! Ich lade euch also ein, mit mir und dem Schecken auf die Reise zu gehen.

Ich habe von Knochen geschrieben, weil diese Knochen und ihre jeweilige Ausrichtung sowohl Anker für meinen Fokus beim Reiten sind als auch die aufspannenden Druckelemente im Netz der Faszien, mit denen sie gemeinsam eine tensegrale Struktur bilden.

Was war die Ausgangsidee?

Im Gyrotonic-Training bei Ninette Billhardt habe ich eine recht gute Kernstabilität erarbeitet und daraufhin angefangen, die so erfahrenen Zusammenhänge beim Reiten dem Pferd anzubieten.

Danke, sagt der Schecke. Ist interessant. Eröffnet neue Möglichkeiten.

Wie gehören Kreuzbein und Brustbein zueinander?

Für mich liegen beim Menschen Brustbein und Kreuzbein flach an einer gedachten senkrechten Röhre. Beim Pferd befinden sie sich auf bzw. unter einer horizontalen (gleichzeitig stabilen, aber dennoch biegsamen, rotations- bzw. torsionsfähigen) Röhre*. Für die korrekte Anbindung beim Pferd muss sich das LSG für die Phase der Kraftübertragung (der in der zweiten Hälfte der Stützbeinphase stattfindenden Entladung der tensegralen Struktur) schließen.

Ist klar, sagt der Schecke.

Zwischen den Kraftphasen der Hintergliedmaße kann sich das LSG lösen. Es gibt also einen leichten Schwungradeffekt. (Bleibt das Schließen des LSGs zur Kraftübertragung aus, drückt sich die Kruppe im LSG-Bereich in der Mitte der Stützbeinphase nach oben. Die zweite Hälfte der Stützbeinphase wirkt verkürzt und das Hangbein kann nicht mehr frei vorschwingen. Es entsteht eine ziehende Vorhand.)
Die Rotation im Kreuzbein entsteht aus der Summe der Wirbelrotationen in LWS und hinterer BWS. (Im LSG selbst ist keine Rotation möglich und das Becken kann auch nicht mehr als 1-2 Milimeter auf den Gelenksflächen des ISG „rutschen“. Der Brustkorb mit den Tragerippen ist ebenfalls stabil. Diese Möglichkeiten scheiden also aus.) Das Kreuzbein bleibt dabei auf der Längsachse der Wirbelsäule und stabilisiert sich durch Schubübertragung entlang dieser Achse nach vorne.

Fühlt sich cool an, sagt der Schecke.

Die Beckenrotation darf also keinesfalls die Kraftlinien durch das Kreuzbein brechen.

Ups, sagt der Schecke.

Die Rotationsrichtung wechselt mit dem Auffußen eines Hinterbeines, im Trab in der Schwebephase.
Ist das menschliche Kreuzbein in einer Position, die ebenfalls Rotation zulässt, findet der Kraftschluss, also das Getragenwerden, immer in der Kraftphase des Hinterbeines statt.

Woher kommt das kurz-lang-Treten?

Bei fast allen Pferden kann man sehen (Video-Standbilder), dass im Trab das eine diagonale Beinpaar beide Röhrbeine gleichzeitig in der Senkrechten hat und das andere eine Verschiebung aufweist, wodurch das hintere Röhrbein zeitlich nach dem vorderen die Senkrechte erreicht.
Es handelt sich hier um eine Bewegungsgewohnheit, die viele, auch weit ausgebildete Pferde zeigen. Das LSG schließt sich in der Kraftphase des einen Hinterbeines weniger als in der Kraftphase des anderen weil das Pferd einen Teil der nötigen Rotation des Kreuzbeines durch Beugung/Öffnung des LSG ersetzt. Oder umgekehrt.
Das Pferd hat ein bremsendes und ein schiebendes Hinterbein. Auch der Schecke.

Stimmt, sagt der Schecke.

Das kommt von der Schiefe, sagt Katja.

Oder umgekehrt, sagt der Schecke.

Und wie stellt man das ab?

Stabilisiert man das Kreuzbein auf der Längsachse und konzentriert sich auf Kraftschluss und die Rotation des Kreuzbeins in Bezug auf den vorderen Brustkorb mit Tragerippen und Brustbein, richtet sich das Pferd gerade und fußt gleichmäßig.

Oder umgekehrt, sagt Katja.

Der Schecke sagt, das passt so. Sagt er nicht oft!

Nun wandert der Fokus aber schon weiter. Durch die korrekte Rotation des Kreuzbeines entsteht mehr Geschmeidigkeit und, wenn wir uns auf die Seite der abgesenkten Hüfte und des vorschwingenden Hinterbeines konzentrieren, Biegung.

Oh ja, sagt der Schecke.

Zu früh gefreut. Wer den Fokus auf der Kraftphase des anderen Hinterbeines und seinen Sitz auf selbigem verliert, hat verloren. Das Kreuzbein koppelt sich vom Brustbein ab, alles fängt an zu wackeln. Die Kraftphase hinten fehlt – und sofort fängt das diagonale Vorderbein an, zu ziehen. Es verlagert seine Kraftphase in die zweite Hälfte seiner Stützbeinphase.

Mist, sagt der Schecke.

Genau. Denn jetzt geschieht etwas, was häufig als erstrebenswert beschrieben wurde: Die Dornfortsätze des Widerristes scheinen nach innen zu kippen. Die äußere Schulter hebt sich.

Sollen die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule sich nach innen neigen?

Nein, das kann nicht erstrebenswert sein, weil diese Veränderung mit dem Verlust des Kraftschlusses bezahlt wurde. Die in der Brustwirbelsäule stattfindende Rotation im Bereich der Tragerippen kann nur minimal sein und darf sich nicht offensichtlich zeigen. Zudem kann man den Vergleich mit dem Handtuch** zuhilfe nehmen. Bei der gleichen Torsion über die ganze Länge kann sich die Ausrichtung im Raum verändern. Die vorderen Brustwirbel können daher nahezu im Bewegungslot bleiben.

Stimmt, sagt der Schecke.

Na gut, sagt Katja.

Also nochmal. Kreuzbein und Brustbein. In Mensch und Pferd. Rotation, die aus der Wirbelsäule kommend, das Kreuzbein um die Längsachse drehen lässt. Anbindung zum Brustbein halten. Kraftphase des äußeren Hinterbeines finden. Anbindung des Kreuzbeines halten. Kraftphase des anderen Hinterbeines. Aha.

So geht das, sagt der Schecke.

Nein, die Dornfortsätze neigen sich jetzt nicht in die andere Richtung. Der Brustkorb bleibt zwischen den Rumpfhebern stabil, das Brustbein und die Dornfortsätze bleiben übereinander. Nun bleibt auch die Mittelachse des Kopfes (von vorne betrachtet) senkrecht, anstatt sich zu verdrehen.

Wir können nochmal über diesen Dressurkram reden, sagt der Schecke. Ist interessant.

Woraufhin er an der Monsterstelle des Reitplatzes das neue System auf Belastbarkeit prüft. Und siehe da: Trotz Störung von außen bleiben beide Hinterbeine in Arbeit und es verdreht und verbiegt sich nichts. Selbst im Galopp entsteht einfach nur ein mächtigerer Galoppsprung.
In der Folge fühle ich, wie es ist, wenn die Dornfortsätze in Bewegungsrichtung vorwärts gezogen werden. Auf der Geraden wie auf der gebogenen Linie. Auf letzterer fühlt es sich wie ein nach innen neigen an, ist es aber nicht.
Jep, sagt Katja.
Lass ins Gelände gehen, sagt der Schecke.
Das hat er sich fein ausgedacht, der Schecke. Denn jetzt kommt etwas ganz kompliziertes, was er nicht wissen muss. Kruppeherein. Wenn das LSG krampfhaft geöffnet ist, die Vorderbeine ziehen und der Brustkorb sich nach innen neigt, lässt sich sehr leicht ein Kruppeherein simulieren. Da die Rotation aber bereits im Brustkorb stattfindet, rotiert das Kreuzbein in die falsche Richtung. Die innere Hüfte kommt hoch.

Jep, sagt Katja.

Lassen wir bleiben, oder? Fragt der Schecke.

Wie sieht es korrekt aus?

Möchte ich auch mal wissen, sagt der Schecke.

Bei stabilem Brustkorb, senkrechten Dornfortsätzen und geschlossenem LSG bleibt die innere Hüfte tiefer und die Mittelachse des Schädels senkrecht.

M.E. gibt es kein Kruppeherein, in dem die innere Hüfte tiefer bleibt. Selbst wenn die Dornfortsätze senkrecht stehen bleiben würden, würde dies eine abnorme Adduktion im Hüftgelenk des äußeren Hinterbeines erfordern. Sagt Katja. Deshalb ist das Schulterherein das Aspirin der Reitkunst.

Wir wollten doch ins Gelände, sagt der Schecke.

*  Dieses Bild kommt der tensegralen Ausdehnung und Begrenzung einer tensegralen Struktur in diesem Zusammenhang am nächsten. Die Bedeutung der Biotensegrität wurde bereits in meinem Buch und in Seminaren erläutert – die Röhre ist ein schwacher Ersatz. Man könnte auch eine Schwimmnudel nehmen. Oder das Handtuch.

** Als einfaches Beispiel für das Verständnis von Rotation und Torsion kann man ein Handtuch auswringen (Dank an Maike Knifka für den Vergleich). Man rotiert die beiden Enden des Handtuches gegeneinander und in der Folge entsteht im Handtuch Torsion. Siehe nächster Post.

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