Montag, 16. Januar 2017

Das Steinbrecht-Zitat

"Als ersten Hauptgrundsatz der Kunst rufe ich einem jeden Reiter zu:
'Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade.'
Unter diesem Vorwärtsreiten verstehe ich nicht ein Vorwärtstreiben des Pferdes in möglichst eiligen und gestreckten Gangarten, sondern vielmehr die Sorge des Reiters, bei allen Übungen die Schiebkraft der Hinterfüße in Tätigkeit zu erhalten, dergestalt, dass sogar die Rückwärtsbewegungen das Vorwärts, das heißt, das Bestreben die Last vorwärts zu bewegen, in Wirksamkeit bleibt. Man befähige daher durch Übung das Pferd, seine Schiebkraft durch Belastung bis zum Äußersten zu schränken, man unterdrücke sie aber niemals durch Überlastung."
     Anlass für den heutigen Post ist, dass ich das Zitat im Netz in dem Zusammenhang gefunden habe, dass es so häufig missverstanden würde, weil es auf den einen (oben fett geschriebenen) Satz reduziert sei. Und alle Welt ganz fälschlich zu schnell reite.
    Das erweiterte Zitat, oben in roter Schrift, ist jedoch noch lange nicht das vollständige Zitat. Letzteres hat 237 großformatige Seiten. Man kann es mehrfach durcharbeiten, immerwieder neue Zusammenhänge finden und bei jedem Durchgang Steinbrechts Worte neu verstehen. Es dauert 187 Seiten bis zur Piaffe. :D
    Steinbrecht gehört für mich zu den wenigen Menschen, die die tensegrale Struktur des Pferdekörpers spüren und stärken konnten und versucht haben, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Und er gehört zu denjenigen, die erkannt haben, dass das Pferd das Becken nicht im LSG  (Lumbosakralgelenk, das Scharniergelenk zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein, maximaler Öffnungswinkel 20°) steil stellen darf, denn dann ist "das Bestreben, die Last vorwärts zu bewegen" nicht mehr da.
     Wenn also Steinbrecht das LSG nicht namentlich erwähnt, so hat er doch gefühlt und gesehen was geschieht, wenn die Schubkraft durch die künstliche Beckenkippung abgeschaltet wird. Sehr oft wird auch das erweiterte Zitat dahingehend falsch verstanden, dass eben nur die Füße gleichmäßig und "tätig" arbeiten müssten, um Steinbrechts Idee gerecht zu werden. Sobald sich nur noch die Füße bewegen, egal, wie fein zierlich, aber keine echte Schubkraft mehr zur Verfügung steht, entspricht die Bewegung nicht mehr dem, was mit dem Zitat gemeint ist.
    Wer auch immer Steinbrecht interpretiert, sollte m.E. davon ausgehen, dass dieser Schubkraft meint, wenn er von Schubkraft schreibt. Wer Steinbrechts wirklich verstehen möchte, sollte sich die Arbeit machen, das gesamte Gymnasium des Pferdes zu lesen und die Inhalte zu erarbeiten.

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