Dienstag, 29. September 2015

Bergaufgalopp

Posts ziehen Posts nach sich. Der letzte hat Fragen aufgeworfen, die ich versuche, zu beantworten.

Bergaufgalopp ist einer der vielen Begriffe, die man sehr unterschiedlich definieren kann. Aus Unterhaltungen mit mehreren ReiterInnen schließe ich, dass Bergaufgalopp meistens mit versammeltem Galopp gleichgesetzt wird, ein Vergleich, der meines Erachtens nicht stimmig ist. Bergaufgalopp bedeutet für mich die Balance zwischen Schubkraft und Tragkraft in der Form, dass die Aktivität der Rumpfheber und der Schwung nach oben, den diese dem Rumpf (unabhängig von seiner Form) geben, der Schubkraft der Hinterhand angemessen ist. Bergaufgalopp bedeutet, dass Vor- und Hinterhand sich gegenseitig optimal trainieren.
 
Versammelten Galopp sieht man häufig in der Form, dass die Hinterhand weit unterschiebt und nur noch trippelt, ohne Schub in die Körpermasse zu richten, während die Vorderbeine ziehen müssen. Durch das Absenken der Hinterhand, meistens durch Abkippen des Beckens im Lumbosakralgelenk erzeugt, wirkt die Vorhand größer, vor allem, wenn der Pferdehals aufgerichtet ist. Dann hat die Wirbelsäule des Pferdes zwar eine Bergauftendenz, aber einen Berg kann man so nicht hochgaloppieren.
 
Ein Pferd mit echtem Bergaufgalopp zeigt diesen in allen ihm möglichen Tempi, unabhängig vom Grad der Versammlung. Versammelt sich ein solches Pferd dann unter Beibehaltung der Arbeitsteilung zwischen den Funktionalen Einheiten, sieht man einen schwungvollen Bergaufgalopp, aus dem heraus jederzeit ein Zulegen möglich ist.
Galoppbilder sind häufig sehr schwer zu beurteilen, weil man in der Phase der Einbeinstütze hinten nicht erkenen kann, was als nächstes passiert.
 
Im vorgetäuschten Bergaufgalopp bleibt das Lumbosakralgelenk, das sich in der Hangbeinphase des Galopps naturgemäß öffnet, auch während der zweiten Hälfte der Stützbeinphase offen, weshalb keine echte Schubkraft und daher auch kein „bergauf“ entstehen kann. Im echten Bergaufgalopp schließt sich das LSG während der ersten Hälfte der Stützbeinphase. Welche Variante man vor sich hat, kann man aber bei einem Foto, das die Einbeinstütze hinten zeigt, nur vermuten. Manche Pferde sehen so aus, als könnten sie einen Berg hinauf galoppieren, andere als würden sie rückwärts wieder runterkullern.
 
Im Galopp zeigt sich die jeweilige Vorstellung von Versammlung besonders deutlich. Für mich bedeutet Versammlung, dass das das Pferd seine volle Kraft jederzeit zur Verfügung hat und sie der jeweiligen Situation entsprechend angemessen einsetzt. Das würde bedeuten, dass das Pferd auf dem Bild oben in der Lage wäre, sich in einen weiter werdenden Rahmen (mit Hilfe seiner Schubkraft) hineinzudehnen und gleichzeitig mit Nase und Vorderbeinen nach vorne (nicht nach unten) herauszuziehen. Falls sich plötzlich im Hallenboden ein Graben auftut. Mechanische Kontrolle nicht vorhandener Kraft und fehlenden Schwungs ist in meinen Augen keine Versammlung. Ist aber einfacher zu erreichen. Kommt drauf an, was man möchte...
 

Montag, 28. September 2015

Das ist NICHT normal!

So, jetzt muss das mal sein. Der Rundumschlag. Ich tippe mir die Finger wund, weil ich ständig von auf der Suche befindlichen ReiterInnen gefragt werde, was ich von XY, ZG, QX und sonstwem halte. Die Antwort lautet in den meisten Fällen: Abstand. Es macht aber keinen Spaß, immer dasselbe zu erklären. Daher in diesem Post mal alles auf einen Sitz.

Es gibt so vieles, was in den Hirnen der Menschen als normal abgespeichert ist und deshalb nur ungern infrage gestellt wird. Vor allem, wenn es auf den Fotos und in den Videos der Vorbilder genau so dargestellt wird.

Hier also die Liste dessen, was NICHT NORMAL ist:

Einbeinstütze im Trab vorne. <> Dreibeinstütze im "versammelten" Trab. <> Ein unter Last im Lumbosakralgelenk abgekipptes Becken. <> Zehenfußung. <> Nase hinter der Senkrechten. <> Hängerücken. <> Ziehende Vorderbeine. <> Falscher Knick. <> Loser Hals. <> Atrophierte Rückenmuskulatur. <> In den Boden drehende Hufe. <> Gefletschte Zähne. <> "Hankenbeugung" mit gestreckt unter den Schwerpunkt geschobenen Hinterbeinen. <> Deutlich sichtbare Dampfrinne. <> Harte Muskelstränge. <> Vierbeinstütze im Schritt oder gar im Trab. <> Sonstige Taktfehler jeder Art. <> Strotzende Kandaren <> Um nur einige Bilder aufzuzeigen.
 
"Kühner als das Unbekannte zu erforschen ist es, das Bekannte in Frage zu stellen."
(Caspar, zitiert in einem Vortrag von Vera F. Birkenbihl)

Ich stelle in Frage, dass das alles normal ist. Warum und wie sonst habe ich in Posts, meinem Buch und in Seminaren erschöpfend begründet. Es macht sich gerade eine gewisse Lustlosigkeit breit, mich zu rechtfertigen und deshalb empfehle ich,  die offiziellen Lehrvideos der verschiedenen Herrschaften und Reitweisen genauer zu betrachten - von den meisten gibt es Videos auf Youtube, man muss also nicht alle kaufen -, vorzugsweise in Slowmotion. Standbilder von Piaffen, "versammeltem" Trab, Trab"verstärkungen", was auch immer. Und einfach mal selbst auf die oben genannten Punkte achten. Herausfinden, was zum Teufel Stützbeinphasen sind und wie das mit dem räumlichen und zeitlichen Gleichmaß zu verstehen ist. Um Grausliches zu finden, bedarf es keiner heimlich gefilmten Trainingsszenen. Das wird als normal und erstrebenswert von den Betroffenen selbst veröffentlicht.

Die Frage, wie es denn sein sollte, ist relativ leicht zu beantworten: Nicht in den Extremen liegt die Funktionalität versteckt, die das Pferd benötigt, um einen Reiter zu tragen, sondern in der Mitte. Ganz unspektakulär, zur Profilschärfung völlig unbrauchbar.

Die Fragen sollten dann nicht an mich gestellt werden, sondern an die, deren Bilder und Videos ihr betrachten und verstehen wollt. Die Frage lautet: Soll das (beliebige Punkte aus der Liste einfügen) so sein?

Es kann nicht jeder ein Meister sein, aber jeder Einzelne kann sich bewusst entscheiden, wem er folgt und warum. Das gilt nicht nur für die Reiterwelt.

Was ich auf keinen Fall möchte ist, dass ausgerechnet die, die sich ohnehin schon endlos viel Mühe geben, alles gut und richtig zu machen, Videos ihrer eigenen Pferde nach den genannten Gesichtspunkten zerlegen. Es geht um die Bilder, die angeblich erstrebenswerte Haltungen und Bewegungen zeigen und nicht um das, was mal nicht geklappt hat. Letzteres gestehe ich auch jedem Meister zu. Die Vorbilder aber, die sollte man sich sehr genau betrachten!

Die Bilder unten zeigen das Lumbosakralgelenk. Das hat der Mensch nicht. Aber da muss die Kraft des Pferdes durch, wenn es Tragkraft entwickeln soll. Und dazu gehört es in eine neutrale Position wie auf dem linken Bild.

















Das Pferd kann - im Gegensatz zum Menschen - problemlos gleichzeitig das Becken abkippen und ein Hohlkreuz machen. Wenn man solche Pferde mit einer kleinen Manipulation dazu veranlasst, das LSG wieder zu schließen (Bild links), ist plötzlich auch das Hohlkreuz weg. Darüber solltet ihr nachdenken, bevor ihr mit meinem Lieblingssatz zum Thema Beckenabkippen kommt: "Ja, aber Hohlkreuz ist doch auch nicht richtig!"