Samstag, 31. Januar 2015

Pathologische Eleganz*: Hypermobilität bei Pferden

Aus gegebenem Anlass befasse ich mich gerade mit der Gangmechanik des modernen deutschen Warmbluts und das, was ich sehe, passt zu den Problemen der meisten Pferderassen. Zuerst aber ein anderer Punkt:
 
Schieberitis und Trageritis
 
Begriffsallergien machen das Leben schwer, wenn man miteinander kommunizieren will. Ich habe eine Allergie gegen den Ausdruck „Tragkraft der Hinterhand“, während andere allergisch auf den Begriff „Schubkraft“ reagieren. Im Grunde genommen beziehen sich die jeweiligen Abneigungen auf das, was in der Reiterwelt mit diesen beiden Begriffen verbrochen wird. Wenn ich „Tragkraft der Hinterhand“ höre, habe ich immer viel zu weit untergeschobene Hinterfüße, ein im Lumbosakralgelenk abgekipptes Becken und in Stellung durch die Bahn schleichende Pferde vor Augen, die im Gelände weder bergauf noch bergab laufen könnten. Die Schubkraft-Allergiker sehen weggedrückte Rücken, gestauchte Pferdehälse und nach hinten herausgestellte Hinterbeine. Diese Allergien entwickeln sich, wenn man in unterschiedlichen Reitweisen die Auswüchse gesehen hat, zu denen ein falsches Begriffsverständnis führt.
 
Deshalb möchte ich zu den Begriffen Tragkraft und Schubkraft noch die Begriffe Schieberitis und Trageritis für die krankhaften und krank machenden Bewegungsmuster der Hinterhand einführen. Die Pferde benötigen ihre Schubkraft dringend, weil sich nach meinem Verständnis nur daraus ganzheitliche Tragkraft entwickeln lässt. Deshalb möchte ich mit dieser Differenzierung die Begriffe in ihrer ursprünglichen Bedeutung im Sinne der Pferde zurückerobern.

Hypermobilität

In Ermangelung einer echten Gebrauchsreiterei bewegen sich sowohl die Zucht (Pro Equo e.V.) als auch das Reiten auf Abwegen. Zucht, Reiten und Pferdeausbildung stehen und fallen mit den Vorstellungen des Menschen von dem, was schön und gut und richtig ist. Und diese Vorstellung bewegt sich in allen Bereichen und Reitweisen weg vom Ursprung, dem Tragen, hin zu vermeintlicher Schönheit, Show und Modeerscheinungen. Vor allem bewegt sie sich weg vom Körpergefühl hin zu einer übersteigerten visuellen Ästhetik. 
(c) Rita Kochmarjova

In allen Reitweisen wird die Stützbeinphase vor allem im Trab künstlich verlängert, so, dass die modernen Warmblüter aufgrund ihrer langen Beine und ihrer Beweglichkeit im Bodenkontakt mehr Raum überbrücken als in der Luft. Die Reitkunstpferde bleiben ebenfalls am Boden kleben und heben ihre Füße fein zierlich, wo der Warmblüter sie ohne Rücksicht auf die tiefe Beugesehne des Stützbeines nach vorne schmeißt und zeigen häufig eine „Vierbeinstütze“. Selbst auf den „besseren“ Bildern, beispielsweise in Heuschmanns „Balanceakt“, fußt der Hinterfuß im Trab vor dem diagonalen Vorderfuß ab, was ein klarer Beweis dafür ist, das die Kraftphasen innerhalb der Stützbeinphasen verdreht sind. (Siehe Posts zur Ellbogenarthrose oder zur Piaffe).
 
Training

In gesunder Bewegung müssen alle Gelenke in ihrer Kraft bleiben und daher entweder von Natur aus oder duch Anpassung der Anforderungen und des Trainings in ihrer Beweglichkeit stabilisierend eingeschränkt werden. Dafür brauchen wir als Menschen erstmal ein Gefühl dafür, in welchen Winkeln die Gelenke Kraft übertragen können (ja, hier geht es weiter mit Biotensegrity!), ohne Schaden zu nehmen oder die im Ganzen benötigte Kraft irgendwo wieder zu verlieren.
 
Durch den überzogenen Bodenkontakt gibt es keine echte Schwebephase mehr, die m.E. aus der korrekten Koordination von Schubkraft (gerichtete Kraft in Körpereinheit) hinten und Tragkraft vorne entsteht. Die Pferde werden regelrecht in den Boden gedrückt.
 
In einer „schlankeren“ Stützbeinphase liegt die Betonung der Bewegung auf der Entladung der Kraft in die richtige Richtung und der Pferdekörper arbeitet verschleißärmer. Es gilt, das optimale Drehmoment zu finden. Bei zu großer Beweglichkeit (Dehnbarkeit des Bindegewebes) hat der Körper zu wenig Kraft, bei zuviel Kraft (Straffheit des Bindegewebes) hat er zu wenig Beweglichkeit. Zu viele Pferde nehmen am Ende der Stützbeinphase einfach den Fuß vom Boden weg, ohne vorher Kraft auf dem richtigen (sprich: hilfreichen) Weg in den Körper geschickt zu haben.
 
Womit wir bei meinem Lieblingsthema, dem Faszientraining angekommen wären. Der Faszienkörper lässt sich trainieren und innerhalb von zwei Jahren komplett erneuern und mit seinen Bewegungsmustern umstrukturieren. Allerdings nur dann, wenn man sich klar macht, dass es inzwischen nicht mehr primär um das Geschmeidigmachen eines zu strammen Bindegewebes geht, wie es noch bis in die 70er Jahre hinein war, sondern um die Stärkung eines zu schwachen Bindegewebes. Dass der Pferdekörper sich nicht zusammenfalten darf, sondern sich ausdehnen muss. Hypermobile Pferde, die sich in fast allen Rassen zunehmend finden, können mit den Methoden, die für straffe, feste Pferde entwickelt wurden, nur kaputt trainiert werden. Und der Verzicht auf Schubkraft ist hier auch keine Lösung. Schubkraft kann nicht im Hinterbein in Tragkraft umgewandelt werden, sie kann nur in der Vorhand transformiert werden. Dafür benötigt man Ideen und Bewegungsvorstellungen, die sich bei den alten Meistern nicht finden lassen – nicht, weil die zu doof gewesen wären, darauf zu kommen, sondern weil sie andere Pferde hatten, die ihren Reitern andere Probleme machten. In der heutigen Sportreiterei finden sich, selbst bei den AusbilderInnen, die für ihre „Pferdefreundlichkeit“ bekannt sind, nur Behelfsmaßnahmen, die zwar noch helfen, die gewünschten Resultate zu erzielen, aber den Pferdeverschleiß immer weiter erhöhen und absolut nichts mit Training für das Pferd zu tun haben.

Einem neuen Problem kann man nicht mit alten Lösungen beikommen.
 
*Dieser Begriff stammt aus einem Zitat von Prof Dr med Fritz Schiller aus einem Zitat von Ellen Wolff.

Freitag, 30. Januar 2015

"Lebendige Biomechanik und Faszientraining I"

Es sind zwei Plätze freigeworden  Noch ein Platz frei für TeilnehmerIn ohne Pferd:

Biomechanik und Faszien sind unbestechlich und weder durch Equipment noch durch Techniken zu beeindrucken. Die Biomechanik der Tragkraft, die Faszienfunktionen und vor allem Bewegung an der Longe und unter dem Reiter aus der Sicht des Pferdes stehen im Mittelpunkt dieser Seminare. Das Wissen über die biomechanischen Zusammenhänge wird verknüpft mit dem Bedürfnis des Pferdes, sich gesund und ganzheitlich zu bewegen. Deshalb geht es nicht darum, wie die jeweiligen Hebel vom Menschen zu nutzen sind, um das Pferd in Gehorsam und in eine Form zu bringen. Ob ein Pferd sich für Zusammenarbeit entscheidet und ob es auf allen Ebenen in seine Kraft kommt, hängt stark mit dem zusammen, wie der Mensch das Pferd sieht und wie die Aufgaben definiert sind. Daher lassen sich auch Verhaltensprobleme mit diesem Ansatz lösen - ein interessanter Aspekt, der an diesem Wochenende einbezogen wird.
 
Die "Lebendige Biomechanik" bringt die Bilder im Kopf in Bewegung, das Faszienwissen sorgt für den Schwung und die Lebensfreude. Die Seminarinhalte ermöglichen es, Entscheidungen im Sinne des Pferdes zu treffen – reitweisenunabhängig.
 
20.-21.02.2015  "Lebendige Biomechanik und Faszientraining I",  Fichtenhof, Dagersheimer Straße 57, 71139 Ehningen

Dienstag, 27. Januar 2015

Ende der Winterpause


Ab 1.Februar geht es wieder weiter. Ich freue mich schon auf euch!
 
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Donnerstag, 22. Januar 2015

Reiten oder nicht reiten



Wenn ich Bücher über das Reiten lese, führt das immer dazu, dass ich meine eigene Position überprüfe und genauer hinschaue. Zuletzt habe ich Maksida Vogts Buch "Wo ist die Reitkunst?" gelesen und festgestellt: Wir sehen vieles ähnlich, aber wir ziehen unterschiedliche Schlüsse.
 
Die Zahl derer, die nicht mehr reiten, weil sie das ihrem Pferd nicht antun wollen, wird immer größer. Für mich ist das eine sehr persönliche Entscheidung, die jeder für sich trifft und ich bin selbst auch lange nicht geritten, während ich für mich und meine Arbeit an Veränderungen gebastelt habe. Mir fällt nur auf, dass das Reiten, das aufgegeben wird, das Reiten, von dem meistens die Rede ist, ein ganz anderes ist als jenes, welches ich für erstrebenswert halte. Man muss sicher nicht jedes Pferd reiten. Es macht keinen Spaß, Pferde zu reiten, die dazu keine Lust haben. Es gibt aber durchaus Pferde, die Freude an der gemeinsamen Bewegung und dem dadurch vergrößerten Aktionsradius haben, die dem Konzept von „Reiten im gegenseitigen Einvernehmen“ etwas abgewinnen können. Verhandeln statt Kontrolle durch Zwangshaltung. Dieses Reiten setzt allerdings voraus, dass man mit vollem Einsatz einen neuen Weg sucht, sich selbst geistig und körperlich umbildet und auch dem Pferd einen anderen Weg und eine andere Einstellung zeigen kann. Damit kann man durchaus auch Pferde überzeugen, die sich bereits eine Meinung gegen das Gerittenwerden gebildet haben.
 
Im letzten Jahr war ich mir auch nicht mehr so sicher, ob ich noch reiten möchte, aber zwei Erlebnisse in den USA haben mir gezeigt, dass die Pferde durchaus mit uns gemeinsam wachsen wollen. Das erste war die Begegnung mit dem Indianerpony N.D. (sprich: Enndie), ein kleiner, zäher, bei unserer ersten Begegnung extrem schlechtgelaunter Fuchswallach, der in der Pine Ridge Reservation in South Dakota lebt. Die Pferde werden dort, wenn sie gebraucht werden, zu Fuß(!) in der Prairie eingesammelt. Wer sich verdrückt, muss nicht arbeiten, er wird seinen Grund haben. Am Ende des dreitägigen Rittes durch Badlands und Prairie wurden die Pferde abgesattelt, abgetrenst, gelobt, bedankt – und in die Prairie entlassen.
 
Ich war N.D. sehr dankbar für die Erfahrung, unsere unterschiedlichen Welten und Vorstellungen in Einklang gebracht zu haben. Für die Erfahrung, in einem vollen Galopp bergauf und bergab in der absolut nicht ebenen Prairie jeden einzelnen Pferdefuß so genau zu spüren, als wäre er mein eigener und mit einem Snaffle with Shanks (finde ich eher gruselig) eine gleichzeitig präzise, nicht störende und gleichmäßige Verbindung zum Pferdemaul zu halten. Zu spüren, wie das Pferd mir und meiner Balance und meiner Kommunikation immer mehr vertraut, ohne seine eigene Meinung jemals aufzugeben. (Zu dieser Meinung gehörte unter anderem, dass der beste Platz in einer Gruppe entweder ganz vorne oder fünfzig Meter seitlich ist und dass nur Feiglinge und Idioten bergab bremsen, anstatt den Schwung für den nächsten Berg zu nutzen.

In Punkt 1 und 2 waren wir uns ohnehin einig, bei Punkt drei ergaben die Verhandlungen, dass meine Idee vom „Wie“ durchaus brauchbar und deutlich angenehmer war als „Reiter lehnt sich zurück und hält sich am Sattelhorn fest“. Im Gegenzug bekam ich begrenztes Mitbestimmungsrecht beim „Wann“ zugesprochen. „Zügel kämmen“ fand er absolut faszinierend, damit ließ er sich immer von seinem eigentlichen Vorhaben, sich unbedingt durchzusetzen, ablenken.)
 
 
N.D. hatte also am Abend des dritten Tages seinen Job erledigt und marschierte Richtung Freiheit. Ich marschierte zur Getränkebox. Als ich mich mit der Wasserflasche in der Hand umdrehte, stand das Pony wieder hinter mir, um mir nochmal zu sagen, dass es mit mir echt ganz ok und nicht uninteressant gewesen sei. Er stand noch etwa zwei, drei Minuten entpannt bei mir, um sich dann endlich der Prairie zuzuwenden... Das hat mich wirklich gerührt, vor allem, weil es ganz sicher nicht um Futterbelohnung ging.
 
Das zweite Erlebnis hatte ich mit einer wild aufgewachsenen Mustangstute, mit der ich mich im Roundpen unterhalten durfte, nachdem sie dem Pferdeflüsterer in der ersten Trainingseinheit ihres Lebens nachdrücklich mit Zähnen und Hufen gezeigt hatte, wie sie sich interspezielle Kommunikation nicht vorstellt. Ich durfte übernehmen, als die Stute mit Knotenhalfter und Dreimeterstrick „frei“ im Roundpen stand. Nach etwa zwanzig Minuten hochkonzentrierten Seins und Nichtstuns ließ sie sich von mir am Kopf anfassen und folgte mir sowohl am Strick, den ich jetzt ein- und aushaken durfte, als auch ohne. Keinerlei Panik, keine Aggression – sie hatte vorher nur auf ihre Art und durchaus angemessen klare Grenzen gesetzt. Sie fing an, sich für mich zu interessieren nachdem klar war, dass ich diese Grenzen respektierte. Faszinierende 100% Pferd. Der Besitzer hat mir geschrieben, dass die Stute wieder frei läuft und nicht weiter gearbeitet wird, weil sie den Spirit, den sie an diesem Tag in ihr gesehen hatten, nicht zerstören wollen. * freu * Ich hätte mir jedoch vorstellen können, mit ihr gemeinsam auch bis zum Reiten zu kommen. Es wäre ein interessantes Projekt geworden, da die Stute ein sehr genaues Gespür für "sanfte Gewalt" hatte, die sie einfach als Gewalt einstufte und beantwortete, während sie gleichzeitig sehr neugierig und kommunikationsbereit war und Herausforderungen so, wie sie ihr begegneten, annahm.

 Für mich bedeutet Sein mit Pferden inzwischen eine gemeinsame Entwicklung sowie ein gemeinsames Wachstum auf allen Ebenen - und dazu gehört auch der physische Körper, der sich in Verbindung mit einem anderen Körper erfahren will. Deshalb ist es, um reiten zu "dürfen" nicht ausreichend, das Pferd zu trainieren. Der eigene Körper ist oft das schwierigere Pferd!

 


Fotos von der Schimmelstute: (c) Barbara Fuchs, Jürg Klopfenstein

Mittwoch, 14. Januar 2015

Vorsätzliche Unwissenheit




... auf englisch "Willful Ignorance", ist ein Begriff, der Beachtung verdient. Und das nicht nur in der Reiterwelt. Daher habe ich Erica Franz, USA, um die Erlaubnis gebeten, ihren Text ins Deutsche übersetzen zu dürfen. Wenn man sich bewusst macht, was vor sich geht - im Inneren wie im Außen - ist es schon nicht mehr ganz so einfach, aus Bequemlichkeit und Angst vor Veränderung wegzuschauen.
 


 

Mittwoch, 7. Januar 2015

 
Hier ist endlich mein Artikel über Trageerschöpfung und Biomechanik der Tragkraft auf englisch: 
 


 
 

Samstag, 3. Januar 2015

München im Februar 2015

Einsteigerseminar "Lebendige Biomechanik und Faszientraining - Teil 1" 

Die Biomechanik der Tragkraft, die Faszienfunktionen und vor allem in der Bewegung unter dem Reiter aus der Sicht des Pferdes stehen im Mittelpunkt dieses interessanten Seminars. In jeder Reitweise gibt es Vorstellungen, Lektionen und Techniken, die es dem Pferd erschweren oder sogar unmöglich machen, einen Reiter zu tragen ohne Schaden zu nehmen. Wir Menschen sehen nur, wie das Pferd reagieren oder funktionieren sollte, aber die wenigsten ReiterInnen haben sich bislang Gedanken darüber gemacht, was das Pferd tun (dürfen) muss, um sie gut und verschleißfrei zu tragen. Die meisten sind der Meinung, es würde wohl alles gut gehen, wenn man "die richtigen Hilfen gibt".

Ein Pferd, das Tragen gelernt hat, lässt sich unter einem Reiter, der das zu schätzen und zu erhalten weiß, sehr weit ausbilden. Ein Pferd, das dies niemals gelernt hat, bleibt ein Leben lang ein "Sack voller Pferdeteile", darauf angewiesen, von einem guten Reiter zusammengehalten zu werden.

82194 Gröbenzell (bei München) am 07.02.2015, 10.00 - 18.00 Uhr. Kosten: 95,00 Euro inkl. Kaffee, Kuchen und Getränke.

ACHTUNG: weitere Infos, Anmeldung und Termine nicht bei mir, sondern unter info@tierseminarzentrum.de oder 0176 63874937
 
 

Donnerstag, 1. Januar 2015

Liken oder nicht liken - die Gewissensfrage


Liebe ClickertrainerInnen,

mit euren Gefällt-mir-Anfragen auf Facebook setzt ihr mich langsam unter Zugzwang. ;)  Das hat den Vorteil, dass ich anfange, ins Reine zu denken, um meine bislang eher oberflächliche Abneigung gegen das Clickern begründen zu können. Leicht fällt mir das nicht - also, das Denken schon, aber die Begründung nicht - , weil immer die Gefahr besteht, dass jemand sich persönlich abgelehnt fühlt, vor allem, wenn man einen Account hat, in dem sich Privates und Berufliches vermischen. Für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich eine private Freundschaftsanfrage annehme (die verweigere ich nur in Ausnahmefällen, wenn ich keinerlei Bezug zu meiner Person oder meiner Arbeit herstellen kann) oder ob ich eine Geschäftsseite like. Letzteres bedeutet für mich, dass ich hinter den Inhalten und der dargestellten Arbeitsweise stehe – und wenn dem nicht so ist, wird nicht geliked. Unabhängig von meiner Wertschätzung der jeweiligen Person!

Vielleicht könnte man es mit einer Kosmetikwerbung vergleichen: Ich nutze das Produkt nicht, es passt nicht zu mir und meinem Weltbild - also like ich es nicht. Und trotzdem dürfen andere damit glücklich werden. Nicht liken heißt ja nicht, die Existenzberechtigung abzusprechen... Und schon garnicht lehne ich die Menschen ab, die das Produkt nutzen. Ich identifiziere Menschen nicht mit von ihnen verwendeten Produkten. Außer manchmal vielleicht.

Aber nun endlich zur Begründung: Eine grundlegende Frage ist für mich immer, auf welcher Ebene ich mit einem Pferd arbeiten will und wie ich auf dieser Ebene den Zugang finde. Meine Arbeit bezieht sich auf die Selbstwahrnehmung des Pferdes, auf den Faszienkörper, auf das Herzfeld und das Emotionale Erleben, auf die ganzheitliche Entwicklung von Körperintelligenz und auf die Kommunikation zwischen zwei Körpern. Dabei benötige ich bei mir wie beim Pferd eine ausgeprägte ganzheitliche Wahrnehmungsfähigkeit, die nicht kompatibel ist mit dem Konzept von „Richtig und Falsch“.

Obwohl das Clickern rein auf positiver Bestätigung beruht, findet ganz klar eine Bewertung dessen was ist statt, wobei es der Mensch ist, der bewertet und dem Pferd die Rolle zukommt, herauszufinden, was der Mensch für richtig hält. Das Clickern führt das Pferd meiner Meinung nach in eine ungesunde Abhängigkeit von der Sichweise des Menschen und zieht es von der Ebene weg, auf der ich agieren möchte, da es primär die Fressgier und den Intellekt anspricht (letzteres hat durchaus den Vorteil, dass durch die Klarheit der Struktur Klarheit in das Chaos des menschlichen Denkens und Fühlens gebracht wird).

Für das Pferd, das in natürlicher Umgebung den ganzen Tag im Futter steht, gibt es eigentlich keine Futterbelohnung in dem Sinne, dass es von einem anderen Pferd Bestätigung durch Futter erhält – im Gegensatz zu Hunden, denen ein ranghohes Tier den Zugang zum Futter verweigern oder genehmigen kann. In Krisensituationen ist das Streben nach Belohnung beim Pferd nicht stark genug, denn dann geht es nicht ums Fressen, sondern ums (nicht) gefressen werden. Wesentlich für das Nichtgefressenwerden ist die breite Wahrnehmung der Umgebung, die nonverbale Gruppenkommunikation über Herzfeld und Bauchgefühl, eine hohe Körperintelligenz und ein gut trainierter Faszienkörper. Daher erübrigt sich Bewertung wie Belohnung, solange ich genau in diesen Bereichen arbeite, die das Pferd überlebensfähiger machen und ihm ein Gefühl von Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit vermitteln. Das Pferd arbeitet im eigenen Interesse.

Bei meiner Arbeit mit dem Pferd werte ich nicht, sondern biete dem Pferd einen Spiegel, in dem es sich, seine Bewegungen und seine Vorstellung von der Welt wahrnehmen und verändern kann. Ich öffne einen Raum der Möglichkeiten, in dem das Pferd sich selbst erfährt und sogar Traumata abarbeiten kann, wenn nötig.

Zum guten Schluss mag ich den Gesichtsausdruck und die Körpersprache vieler Clickerpferde nicht und bezweifle, dass es ein Zeichen von guter Beziehung ist, wenn ein Wallach voll ausgeschachtet, mit angelegten Ohren und knapp neben ihr in die Luft schnappend, seine Besitzerin vor sich hertreibt (das sehe ich nicht nur bei Clickerpferden häufig, sondern auch bei vielen anderen „spielerischen“ Methoden).

Nun wisst ihr, warum ich persönlich Clickertraining nicht mag, auch wenn es viele Bereiche gibt, in denen es funktioniert, vor allem in der Auflösung negativer Verhaltensmuster und der Erarbeitung von zirzensischen Lektionen.

Für mich ist es nichtsdestotrotz interessant, mit Clickerpferden zu arbeiten und mit ClickertrainerInnen die unterschiedlichen Zugangs- und Wahrnehmungsebenen zu erforschen.