Sonntag, 23. November 2014

Nachlese Kachelofenseminar


Ein ungeplanter Gastauftritt von Flocke, Trainingsinhalt: gute Laune durch Faszientraining.
 
 

Montag, 10. November 2014

Seminar "Faszientraining ist Einstellungssache"

Wenn über Faszientraining gesprochen wird, ist oft von Faszienbehandlung die Rede und der Unterschied zwischen Training und Behandlung verschwimmt. In den letzten Jahren habe ich mich ausgiebig mit Faszienfunktion und Biomechanik befasst und möchte die gewonnenen Erkenntnisse gerne mit Menschen aus den Gesundheitsberufen rund ums Pferd  teilen. Im Sinne der Pferde möchte ich Kooperation pflegen, statt zu konkurrieren und Wissen und Erfahrungen weitergeben ohne Recht haben oder eine Methode verkaufen zu wollen.

Da ich nicht über eine medizinische Ausbildung verfüge, sehe ich aus einem anderen Blickwinkel – und von meiner Warte aus lässt sich die Frage „Was weiß ich, wenn ich das weiß?“ in Bezug auf Bewegungsabläufe oft ganz anders beantworten. Die Art und Weise, wie man Biomechanik versteht, ist abhängig von der Idee, die man verfolgt. Die meisten Reiter benutzen die Kenntnisse über die Biomechanik, um mit den richtigen Hebeln das Pferd in eine Form zu bringen. Aus der Sicht des Pferdes ergibt sich eine völlig andere Situation, es geht um Funktion, nicht um Form. Dadurch, dass ich die Sicht des Pferdes zu meiner eigenen gemacht habe, hat sich ein Training entwickelt, das die Pferde physisch und psychisch in ihre Kraft bringt und ihnen hilft, sich gesund zu bewegen und ihren Faszienkörper in Schwingung zu bringen.

Mir ist nicht nur klar geworden, wodurch die verschiedenen Erkrankungen des Bewegungsapparates entstehen, sondern auch, wie sie sich durch gezieltes Training und eine andere Lebenseinstellung vermeiden und oft sogar beheben lassen. Veränderung kann sich jedoch nur einstellen, wenn immer mehr Menschen in der Lage sind, Biomechanik und Faszienfunktion aus der Sicht des Pferdes wahrzunehmen. Den Gesundheitsberufen kommt hier eine Schlüsselfunktion zu, da sie die Brücke zwischen Behandeln und Trainieren schlagen können. Meine Aufgabe sehe ich darin, eine lebendige Vorstellung von Bewegungskompetenz und -intelligenz auf eine Art und Weise zu vermitteln, die es den SeminarteilnehmerInnen ermöglicht, die Anstöße im Sinne der Pferde weiterzugeben.

Dieses Wochenendseminar ist gedacht für alle Menschen, deren Beruf(ung) Pferdegesundheit betrifft und die für sich und/oder mit ihrem Pferd Faszienerfahrung sammeln und dabei auch etwas Spaß haben wollen.

6.-7.12.2014, Modenbacherhof, 76735 Burrweiler. 160€ plus 10€ für Mittagessen (vegetarisch/vegan), Kaffee und Tee  - und den Kachelofen.  ÜVP am Hof: 45€/Übernachtung.
 

Dienstag, 4. November 2014

Trageerschöpfung - ein letztes Mal:

Das Thema Trageerschöpfung ist nun auch bei Cavallo angekommen (etwa vier Jahre nach dem Erscheinen des Buches „Illusion Pferdeosteopathie“ von Tanja Richter, in dem ich diesen Begriff erstmals gelesen habe). Da ich bei der Bildung des Cavallo-Kompetenzteams leider gerade in Urlaub war, reiche ich das, was ich aus meiner Sicht ergänzend zu dem Artikel in der Novemberausgabe 2014 beizutragen habe, als Blogpost nach.


Trageerschöpfung ist der Oberbegriff für eine Disbalance in Skelett und Bewegungsmuskulatur des Pferdes, die sich einerseits in Krankheitsbildern* und Rittigkeitsproblemen**, andererseits in mangelnder Leistungs-bereitschaft und Arbeitsfreude, schlechter Sattellage und fehlerhaftem Muskelaufbau zeigt.
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* Kissing Spines, Hufrolle, Muskelatrophie, Verspannungen, Erkrankungen der Atemwege, Sehnenschäden, Arthrose, Schwerfuttrigkeit etc.
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** Fehlender Schwung, Taktfehler, Stolpern, hölzerne Bewegungen, schwerfällige Übergänge, schlechtes Bergabgehen bis zur Verweigerung, Scheuen etc.

(Text aus dem Seminarprogramm 2012/13)
Trageerschöpfung ist sicher kein Gespenst, das „durch die Pferdewelt geistert“ (Cavallo), sondern ein Begriff, der für ein umfassendes weltweites Ausbildungs- und Trainingsproblem steht. Man kann mit jeder Reitweise sein Pferd mit und ohne Gewalteinwirkung in die Trageerschöpfung reiten, wobei die Veränderungen im Exterieur differieren können, das Ergebnis jedoch das Gleiche ist. Das FN-Pferd hat vielleicht eine nach hinten ausgestellte Hinterhand mit schleppenden Füßen, das Westernpferd hat ein verkrampft abgekipptes Becken mit steifen Hinterbeinen, verschiedene Barock- und Klassikpferde winkeln zwar die Hinterbeine, hängen aber zwischen den Vorderbeinen, was sie durch hohe Aufrichtung im Hals kompensieren. Bilder gibt es dazu viele.

Das zentrale Problem aller Pferde in allen Reitweisen ist, dass ihnen zwar Gehorsam beigebracht wird, sie lernen, eine bestimmte Form einzunehmen und ihre Füße dorthin zu setzen, wo der Mensch sie gerne hätte, sie heben die Füße, sie stoppen, spinnen, piaffieren. Aber eines können sie nicht: Tragen. Die Pferde sind nicht vom Tragen erschöpft, sie sind vom ERTRAGEN erschöpft.

Sie können nicht tragen, weil ihnen nicht beigebracht wurde, ihre Schubkraft zu nutzen und in der Körpereinheit selbst zu kontrollieren. Die Schubkraft wird meistens neutralisiert, weil das einfacher ist. Das Becken wird abgekippt, die Hinterfüße sollen untertreten, das Pferd soll die Hinterfüße heben und wenn das Pferd mal schieben darf, landet der Schub in der eisernen Reiterhand, im Nichts oder im Hebelgebiss, ohne dass das Pferd eine Chance hat, mit seiner Kraft etwas anzufangen. Die Pferde können nicht tragen, weil sie nicht lernen, sich ganzheitlich zu bewegen und ihren Faszienkörper zu nutzen. Allein mit Muskelkraft kann ein Pferd nicht tragen. Die Faszie muss ins Schwingen kommen, und das Pferd muss seinen Schwung und seine Kraft geordnet gegen das Reitergewicht richten lernen. Diese Kraft haben die meisten Reiter leider nur ungeordnet kennen und daher fürchten gelernt: beim Buckeln, wenn das Pferd einen Befreiungsschlag landet. Deshalb die Angst vor der authentischen Kraft des Pferdes.
 
Ganz wichtig: es sind nicht „die Anderen“, um die es hier geht. Wenn Sharon-May Davis bei 100% aller gerittenen und gefahrenen Pferde Ellbogenarthrose befundet, wenn im Cavallo-Artikel Frau Dr. Kutscher bei 90% aller Pferde mindestens die Tendenz zur Trageerschöpfung sieht, dann sind das nicht nur die paar Freizeitpferde, die durch Unterforderung trageerschöpft sind, dann sind das nicht nur die paar Turnierreiter, die ihre Pferde platt reiten, nicht nur die bösen Westernreiter mit ihren langen Sporen und den katzbuckeligen Pferden, es sind nicht nur die Barockreiter, die schwunglos aber stilvoll und in Haltung ihre Bahnen ziehen, auch nicht ausschließlich die das Pferd mit leichter Hand zusammenstauchenden Legerté-Reiter. (Ich hoffe, alle gängigen Vorurteile gleichmäßig bedient zu haben.) Es ist ein flächendeckendes, reitweisenübergreifendes Problem, das seine Ursachen in falsch verstandener Biomechanik und dem Unwissen bezüglich der Funktion des Faszienkörpers hat.

Das Problem ist im Reiterkopf und im Reiterkörper, in den Denk- und Bewegungsmustern. Reitweise, Pferderasse, Alter – unerheblich. Man kann die Trageerschöpfung nicht wegfüttern, nicht wegbehandeln, nicht wegraspeln oder beschlagen. Korrekte Fütterung, Hufbearbeitung, Haltung, Sättel und Behandlung können vorbeugen und den Weg frei machen, aber kein Pferd zum Tragen bringen.
Ein Pferd kann nicht deshalb tragen, weil es ein Pferd ist. Wir Menschen sind in der Pflicht, den Pferden das Tragen beizubringen, anstatt ihnen alles abzugewöhnen, was den Reiter zu gefährden scheint.
 
Wer sich mit Biomechanik befasst, muss nach den Hebeln suchen, die dem Pferd das Tragen ermöglichen, und nicht nach den Hebeln, die es den Reitern ermöglichen, das Pferd in eine bestimmte Form zu bringen oder es mechanisch zu kontrollieren.

Wie gut auch immer man sich in der Biomechanik auskennt, nur in Verbindung mit fundiertem Wissen über den Faszienkörper und eigenen Erfahrungen aus einem selbst absolvierten Faszientraining (nicht Faszienbehandlung!) kann man ein Pferd nachhaltig in seine Kraft bringen.

Abschließend noch ein Zitat von Frau Dr. Kutscher aus dem Cavallo-Artikel: „Dass soviel Trageerschöpfung entsteht, hat mit uns Fachleuten zu tun. Viel zu wenige unter uns können etwa Bewegungsmuster so umkoordinieren und nachhaltig stabilisieren, dass die Tiere sich optimal bewegen.“ Also – ich kann das und ich bringe es mit Begeisterung jedem bei, der es lernen will.

Mit diesem Text verabschiede ich mich aus der Diskussion um die Trageerschöpfung und wende mich erquicklicheren Themen zu. Wie man Pferde das Tragen lehrt, beispielsweise, oder wie sich Biomechanik und Faszienwissen vermitteln lassen, durch welche Bilder man die alten, nicht zielführenden Vorstellungen ersetzen kann und und und...

Ja, meine Lieben, auch dieser Text ist wieder wenig diplomatisch und vermutlich auch wenig werbewirksam. Aber mal ernsthaft: Darum geht es auch nicht. Unsere Welt ist einfach überpädagogisiert. Trageerschöpfung will ich weder schön reden noch ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich niemand schlecht fühlt. Meine Aufgabe ist es, das Problem zu benennen und denen, die danach suchen, Lösungen anzubieten. Was ich tue..

Nugget des Tages

Habe eine biomechanisch einwandfrei funktionierende Vorhand mit schwingender thorakaler Faszienschlinge gefunden! Ein echtes Highlight. Wo? Gleich um die Ecke. Bei einem einäugigen alten Haflinger, der nie so etwas wie eine Ausbildung genossen und den größten Teil seines Lebens unter einem unerschrockenen Reiter ohne erzwungene Beizäumung im Gelände verbracht hat. Dieses derzeit völlig untrainierte und noch selten longierte Pferd lieferte einen absoluten Aha-Effekt. Das erste Pferd seit langem, das die Vorhand in der ersten Hälfte der Stützbeinphase von sich aus aktiv nutzt.

Der alte Knabe hat mich für heute glücklich gemacht.