Sonntag, 27. Juli 2014

Nachlese Privatseminar Mai 2014

Liebe Maren,

Jetzt will ich endlich mal was von mir hören lassen.
Du erinnerst Dich? (...), drei Pferde, nämlich L, C und S...

Also, zunächst zu C (Lusitanowallach):
Er nimmt Deine Vorschläge, die Schubkraft zu trainieren, mit Begeisterung an!
Ich habe mittlerweile ein sehr lockeres Pferd, welches gern und losgelassen an der Longe trabt und galoppiert. Unterm Reiter fällt er nicht mehr auf die rechte Schulter, was ich nach jahrelangem Schulterherein nie hingekriegt habe, unglaublich.
Toll, was Du mir für Impulse vermittelt hast.

L (Trakehnerwallach) wird endlich länger und schießt wie eine Rakete im Trab über Cavalettis!

S (Trakehnerstute) läuft ebenfalls in vorbildlicher Haltung und mit glücklichem Gesichtsausdruck an der Longe. Anfangs knackste sie im linken Sprunggelenk, dies hat sich mittlerweile gelegt. Das wichtigste bei ihr ist wirklich, daß sie es wieder schafft, den Rücken nicht durchhängen zu lassen. Du erinnerst Dich, sie ist 25 Jahre jung, beim Reiten ist es schwierig, deshalb longiere ich sie überwiegend.
Meinst Du, daß ich es in ihrem Alter noch schaffe, Tragemuskulatur aufzubauen?
Was könnte ich noch tun?

Liebe Maren,

Du hast mir in meinem Verständnis über die Biomechanik des Pferdes wirklich unglaublich gut weitergeholfen, danke und weiter so und

Ganz liebe Grüße
S




 

Foto: Petra Eckerl

Donnerstag, 24. Juli 2014

Arbeitsschwerpunkte

Es besteht Klärungsbedarf: Ich behaupte nicht, Pferde bis zur perfekten Piaffe ausbilden zu wollen und/oder zu können. Mit der Grundausbildung von Pferd und ReiterIn mit den im Header beschriebenen Schwerpunkten habe ich mehr als genug zu tun. Jedoch bin ich mir sicher, die Biomechanik soweit verstanden zu haben, dass ich erkennen und vermitteln kann, welche Denkfehler den jeweligen technikorientierten Reitweisen und Behandlungssystemen zugrunde liegen. Je mehr ich verstehe - und das hört nicht auf, das geht immer weiter - um so erschreckender finde ich das, was allerorten unterrichtet und gelehrt wird. Deshalb versuche ich immer wieder, gerne auch mit ständig neuen Formulierungen und Beispielen, das Gefühl für lebendige Biomechanik zu verbreiten. Ich selbst habe nicht viel davon, außer, dass ich mich unbeliebt mache. Aber manchmal freue ich mich wie ein Schneekönig - oder wie ein Doppelhopskäse? - wenn ein Mensch und sein Pferd etwas verstanden und mit Herz und Hirn und Körper eine Funktion erobert haben.

Dienstag, 22. Juli 2014

Biomechanics and Piaffe

Auf besonderen Wunsch und zu Übungszwecken nochmal auf Englisch. Bin dankbar für Korrekturen.
At special request I tried it in English. Thanks for correcting!

… why any Piaffe with a back standing foreleg is not „nearly correct“ but a sign of missing knowledge and understanding of basic biomechanics – as well as a piaffe showing a jumping hind or defered hindlegs. What made me write this text was a remark in a forum which said that, because a good piaffe is so difficult to reach, one should be glad about one „like this“ (meant one with defered frontleg). Unfortunately, the way from a nearly correct piaffe like that to a correct piaffe is the longest you can imagine. It leads back to basic training for many years to understand biomechanics and to resolve old patterns of movement and reaction.

Lets have a look at some facts:

Symptoms of physical fatuige syndrome (Trageerschöpfung): breastbone in advanced position, lumbar flexion, postponed foreleg etc.

Incorrect piaffe: breastbone in advanced position, lumbar flexion, postponed foreleg etc.

Biomechanic funktion of the foreleg, including bladebone and thoracic fascial sling: Hold distance to the ground directing pressure against the weight of the rider – not against the hind!

Biomechanic function of the hind: Shove. Shove the trunk forward - so it can´t slip backwards, leaving it´s place in the thoracic fascia sling. Shove til the foreleg is in vertical position to make sure, the trunk does not come back ...

There is a nice exercise for all motorcyclists among you: Look for a kerb of medium height, ride up in an angle of 90 degrees and stop with contact to the kerb. Then open up and place the frontwheel right on the edge of the kerb, without using the brake, using gas and cluth only. Keep your balance. Don´t roll back, don´t pass it. Thats controled power. Mind, that - depending on the height of the kerb, the length of your legs and the size of your bike - your feet can´t reach the ground...

Of course you could use the brake, but thats not the lecture. If the cluth smells funny, something´s wrong as well.

What happens in the piaffe of the „Reitkünstler“? Active lumbar flexion (spurs, whip, curb) instead of „Hankenbeugung“. That eliminates the propulsive force of the hind. That´s why the foreleg has to pull the trunk forward instead of lifting it and that causes the postponed position of the foreleg. Thats why the breastbone comes in sight (what it does not in a balanced horse!). The horse does not use the cinetic energy storing abilities of the hinds fascia. It just lifts its feet.

Transfered to the motor cycle exercise: Deflate the back tire, lift the frontwheel and push the kerb underneath. Compared to this, using the brake would be an elegant solution...

The FN-riders piaffe shows (sometimes) a vertical foreleg, but the hind stays stiff and postponed. Thats just another way to destroy the power of the hind, reducing it to a jipping appendix pretending a piaffe. In this case the motor has been throtteled to a minimum, that allows to reach the edge of the kerb, but you can´t expect further performance.

All these piaffes have several characteristics in common: They break the power of the hind instead of storing it for further action, what breaks the power of the forehand. Without a propulsive force from the hind, the thoracic fascia cant´t swing and the forehand is no longer able to lift the trunk.

A true piaffe shows the perfect impulse control of the horse by the horse, the trunk swings upward and the horse asks with every step „What´s next?“ Each moment it could let its weight fall into the „Hanken“ in order to use the arising fascia energy for a galopp or a capriole. The horse is collecting itself for its next job. This impulse control, connected with „Hankenbiegung“, needs many years to develop. The term „Hankenbiegung“ or „-beugung“ refers to deflection (?) of the main joints of the hind under pressure, not to the lumbar flexion or nicely lifted feet. Above all, you cannot reach that big goal by drilling the horse into the right form.

To my opinion, a perfect piaffe might come within reach by training bodyintelligence, motoric competence and a general problem solving ability, always keeping the biomecanical principles in mind. But why should we spoil our time with our horses by drilling a form instead of having fun in playing with funktions? Should one of the horses I work with should ask me for a piaffe one day – all right, on that day we start practising.

Samstag, 19. Juli 2014

Biomechanik und Piaffe ...

... sollte der Titel dieses Posts heißen. Der Text war auch schon fertig, den hänge ich gleich hinten dran. Zuvor jedoch noch eine Bemerkung: Nach "Trageerschöpfung" ist der häufigste zu diesem Blog führende Suchbegriff  "Fesselringbandsyndrom". Die häufigste Ursache für beides ist falsches Reiten aufgrund falsch oder nicht verstandener biomechanischer Prinzipien. Beide Probleme lassen sich nicht mit den Methoden lösen, die sie verursacht haben. Gleichzeitig ist die Lösung dieser Probleme für die breite Masse der Pferde und Reiter die größte Herausforderung. Die Herausforderung für die Meister ist es, einen Weg zur Piaffe zu beschreiben und zu beschreiten, der auch vermeintlich schwachen und untalentierten Pferden und Reitern nicht schadet, anstatt hervorragendes "Pferdematerial" schnell ans Ziel zu bringen. Also:

Biomechanik und Piaffe ...

… oder warum eine Piaffe mit zurückgestelltem Vorderbein nicht „fast richtig“ ist sondern einfach von nicht verstandenen biomechanischen Grundlagen zeugt – ebenso wie die Piaffe mit senkrechten Vorderbein, aber weggestellter Hinterhand. Anlass zum Schreiben dieses Textes war ein Kommentar in einem Reiterforum, dass die echte Piaffe schwer zu erarbeiten sei und man froh sein könne, wenn es „wenigstens schon so“ (...wie das Beispielbild mit zurückgestelltem Vorderbein in diesem Forum) aussähe. Leider führt der Weg von der falschen zur echten Piaffe nicht einfach ein Stück weiter vorwärts, sondern den ganzen langen Weg zurück zur Grundausbildung und zum grundlegenden Bewegungsverständnis von Mensch und Pferd – und von dort aus ganz langsam wieder vorwärts, über Jahre (!) ständig wiederkehrende alte Muster löschend und neue erarbeitend.
 

Symptome Trageerschöpfung:
Herausgedrückte Bugspitze, untergeschobene Hinterhand mit abgekipptem Becken, zurückgestellte Vorderbeine (u.a.).
Falsche Piaffe:
Herausgedrückte Bugspitze, untergeschobene Hinterhand mit abgekipptem Becken, zurückgestellte Vorderbeine.
Biomechanische Funktion der Vorderbeine:
inklusive Schulterblatt und Rumpfheber: Den Pferderumpf auf Abstand zum Boden halten, und das sogar nach rückwärts-aufwärts mit Druck gegen das Reitergewicht – nicht aber gegen die Hinterhand.
Biomechanische Funktion der Hinterhand:
Schieben. Den Rumpf vorwärts schieben, damit er nicht rückwärts aus der thorakalen Faszienschlinge rutscht. Schieben, bis das Vorderbein mindestens senkrecht steht, denn erst dann ist gesichert, dass das Gewicht nicht wieder zurückgerollt kommt...

Es gibt eine schöne Übung für die Motorradfahrer unter den Reitern: Sucht euch einen mittelhohen Bordstein, fahrt euer Motorrad im 90°-Winkel davor und haltet mit dem Reifen am Kantstein an. Jetzt Gas geben und ohne Bremse, nur mit Gas und Kupplung, das Motorrad genau auf die Kante fahren und dort in der Balance halten. Nicht rückwärts runterrollen, nicht drüberfahren. Das ist Kontrolle. Vorsicht: Je nach Höhe des Bordsteins und der Länge der eigenen Beine im Verhältnis zur Sitzbankhöhe kommt man nicht mehr mit den Füßen auf den Boden.

Natürlich kann man auch genau auf der Kippe die Bremse ziehen, aber dann ist die Übung nicht verstanden. Wenn die Kupplung anfängt zu stinken, ist auch was verkehrt. ;))

Was passiert bei der falschen Piaffe der Reitkünstler? Das Becken des Pferdes wird aktiv (Sporen, Gerte, Rückwärtsrichten) abgekippt. Dadurch ist die Schubkraft des Pferdes außer Gefecht gesetzt. Deshalb muss die Vorhand den Rumpf ziehen, anstatt ihn zu heben – daher das zurückgestellte Vorderbein. Deshalb wird die Bugspitze nach vorne gedrückt, um wieder halbwegs in die Balance über der Vorhand zu kommen. Das Pferd federt sein Gewicht nicht in die Hanken sondern beugt diese mit Muskelkraft und hebt nur die Füße.

Auf das Motorrad übertragen bedeutet das: Wir lassen aus dem Hinterrad die Luft raus, heben das Vorderrad an und schieben den Kantstein drunter. Dagagen ist die Variante mit der Bremse echt noch elegant.

Bei der falschen Piaffe der FN-Reiter bleibt das Vorderbein zwar häufig senkrecht, die Hinterhand bleibt jedoch steil und herausgestellt. Auch hier arbeitet das Pferd in erster Linie mit Kraft in der Vorhand, die Hinterhand jedoch wirkt wie ein hüpfendes Anhängsel, aus dem gerade so viel Schub nach vorne eiert, dass die Vorhand eine Piaffe vortäuschen kann. Hier ist der Motor so weit gedrosselt, dass das Motorrad mit Vollgas und ohne Kupplung genau bis auf den Kantstein kommt – aber nicht weiter.

Was alle gemeinsam haben: Ohne Schubkraft federt das Pferd in der Faszie nach unten, es hebt mit jedem Tritt zwar die Füße, aber nicht den Rumpf. In einer echten Piaffe, die die perfekte Kontrolle der Schubkraft durch das Pferd (nicht durch den Reiter) zeigt, federt der Rumpf nach oben und nimmt das jeweilige Vorderbein mit. Das Pferd fragt mit jedem Tritt „Darf ich vorwärts?“ Es könnte jederzeit das Gewicht stärker in die Hanken fallen lassen, um mit der Entladung der Faszie im nächsten Moment anzugaloppieren oder eine Kapriole zu springen. Man sollte das Gefühl haben, dass das Pferd sich sammelt, weil es die nächste Aufgabe vorbereitet. Echte Kontrolle der Schubkraft entwickelt sich über Jahre, zusammen mit der echten Hankenbeugung. Dieser Begriff bezieht sich auf die Beugung, das Einfedern der großen Gelenke der Hinterhand - Hüftgelenk, Knie und Sprunggelenk - unter Last. Das hat mit dem Abkippen des Beckens (im Lumbosakralgelenk! Das ist anders als beim Menschen!) nichts zu tun und auch nichts mit gewinkeltem Anheben der Beine. Vor allem entwickelt sich das alles nicht durch Piaffe üben.

Die perfekte Piaffe ist m. E. nur zu erreichen, wenn man die Körperintelligenz des Pferdes und seine funktionale Versammlungsfähigkeit anspricht und ausbildet. Und wenn man die Grundprinzipien der Biomechanik verstanden, erspürt und verinnerlicht hat.

Warum aber sollten wir uns und den Pferden das Leben versauen mit dem ewigen Streben nach einer Form, wenn das Spiel mit den Funktionen "Tragen" und "Bewegen" doch so viel Freude und Befriedigung bringt? Sollte mich irgendwann in den nächsten Jahren eines der Pferde mit denen ich arbeite von sich aus fragen, wie eine Piaffe geht – na, dann fangen wir munter an zu üben!

Dienstag, 15. Juli 2014

Das nächste Seminar:

"Biomechanik und Faszientraining" am 09.08.2014 in 76863 Herxheim, Obere Hauptstraße 97a.
Das Schöne an diesem Seminar ist, dass es jedesmal anders ist und nie langweilig. TeilnehmerInnen und Pferde gestalten fleißig mit, so dass wir immer wieder zu den Basics kommen - und von da auch mal zu dem einen oder anderen Höhenflug. Theorie als Basis für das Verständnis, die Arbeit mit den Pferden und Zeit für den Selbstversuch verbinden sich zu einem sehr interessanten und entwicklungsfördernden Ganzen. Nach diesen Seminaren erhalte ich immer wieder schöne Rückmeldungen, wie die Arbeit der TeilnehmerInnen mit den eigenen Pferden sich verändert und wieviel Kreativität und Freude am Üben entstehen.

Nach "Trageerschöpfung" ist der häufigste Suchbegriff in diesem Blog "Fesselringbandsyndrom", deshalb werden wir uns an diesem Tag auch damit beschäftigen. Inzwischen weiß ich, wie schwierig dieses Thema anhand eines Textes zu erfassen ist, aber es gibt einige Beispiele und Übungen, mit deren Hilfe sich die Problematik recht gut erschließt.

Kursgebühr 88€ pro Tag und TeilnehmerIn, Anmeldung: marendiehl(at)aol.com

Montag, 7. Juli 2014

Billigdrucke - Thema durch

Da das Vorgehen von Amazon anscheinend legal ist - Billigimporte schlechter Qualität ("ausländische Standards") zum Originalpreis zu verkaufen - bleibt nur, alle Billigbücher umgehend zurückzuschicken. Amazon ersetzt klaglos den Kaufpreis, wie mir eine Leserin berichtete - selbst wenn das Buch nicht zurückgegeben werden kann, weil es nach Australien verschenkt wurde.

Nach Aussage des Verlagsservices, der das Buch vertreibt, sind etwa 60 Bücher im Ausland nach fragwürdigen Standards gedruckt worden:
"Wenn wir Bücher international vertreiben, müssen wir uns den Druckvorgaben anderer Länder anpassen. Besonders in Großbritannien und in den USA gelten andere Standards, die deutlich von denen des deutschen Buchhandels abweichen. (...) Wie schon erwähnt, haben wir keinen Einfluss darauf, auf welchem Wege Amazon die Bücher bestellt. Da das Buch jedoch nicht mehr von uns international vertrieben wird, wird das Buch nun tatsächlich nur noch von unseren deutschen Druckereien hergestellt werden."

Für mich persönlich ist es eine im Sinne des Urheberrechtes relevante Veränderung, Farbbilder in s/w darzustellen. Nach meinem Rechtsempfinden wäre dazu meine Zustimmung nötig gewesen.

Damit ist das Thema für mich durch, ich hoffe, dass alle Billigbücher an Amazon zurückgehen. Ich danke allen LeserInnen, die ordentlich Wirbel gemacht haben und hoffe sehr, dass Amazon davon Abstand nehmen wird, die restlichen Billigdrucke weiterhin zu verkaufen.